Schreibwettbewerb Mai/Juni 2022

Es gibt 3 Antworten in diesem Thema, welches 518 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Chaos Rising.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo!

    Der Schreibwettbewerb geht in die nächste Runde! Obwohl Tariq die letzte Austragung gewonnen hat, hat sie Moog die Wahl des Themas überlassen - und das lautet:



    Die Treppe zum Keller



    Ich hätte gerne mehr als 2 Einsendungen! Strengt euch an!



    Einsendeschluss : 19. Juni 2022

    ‡ Die Geschichte muss in Form einer Konversation (PN) (NICHT per E-Mail oder auf meine Pinnwand!) an Chaos Rising geschickt werden. (Betreff: "Schreibwettbewerb Mai/Juni 2022: [Username]")

    ‡ Die Geschichte muss im Fantasy-Genre angesiedelt sein. Dh. Es müssen Elemente der Fantastik darin enthalten sein.

    ‡ Die Geschichte muss einen Titel haben.

    ‡ Die Geschichte muss mindestens aus etwa 3500 - 10'500 Zeichen bestehen.

    ‡ Die Geschichte muss formatiert sein (siehe auch -> Texte richtig formatieren)

    ‡ Die Geschichte darf keine farbige Schrift enthalten.

    ‡ Die Geschichte muss Absätze haben und darf kein reiner Textblock sein.

    ‡ Nur eine Geschichte pro Teilnehmer.

    ‡ Nur deutschsprachige Texte erlaubt, mit Ausnahme von Fremdwörtern, die zum Verlauf der Geschichte passen.

    Der amtierende Gewinner darf nicht am Wettbewerb teilnehmen, da er/sie das Thema vorgibt und sich so einen Vorteil erspielen könnte.

    ‡ Nach Einsendeschluss werden alle Geschichten anonym in einem Thread veröffentlicht und ihr habt einen Monat Zeit, per Umfrage eure Stimme abzugeben. Diese darf nicht an sich selbst vergeben werden.

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    Preise im Wettbewerb:


    Der Sieger:


    ‡ Darf das nächste Thema für den Schreibwettbewerb vorgeben.

    ‡ Wird in die Rangliste eingetragen.

    ‡ Bekommt für zwei Monate einen eigenen Rang und die Sonderrechte eines Super Users.

    ‡ Bekommt eine einzigartige Foren-Trophäe.


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    Wer noch Fragen hat, stellt sie bitte hier im Thread. smile.png

    In diesem Sinne viel Spaß beim Schreibwettbewerb und beim Geschichten ausdenken wink.png



    LG Chaos

  • Chaos Rising

    Hat den Titel des Themas von „SChreibwettbewerb Mai/Juni 2022“ zu „Schreibwettbewerb Mai/Juni 2022“ geändert.
    • Offizieller Beitrag

    Welche Geschichte hat euch am besten Gefallen? 10

    1. DEAD END (0) 0%
    2. Emilies Einsamkeit (2) 20%
    3. Dreizehn Stufen (6) 60%
    4. Das Singen der heiligen Flamme (2) 20%
    5. Ritter der Kellertreppe (0) 0%

    Umfrage endet am 3. Juli 2022, 23:59

    Zeit abzustimmen!

    • Offizieller Beitrag

    DEAD END


    Heute

    Ein trockener Ast brach knackend unter Peters Wanderstiefel, als er sich schnaufend mit der Hand den letzten Meter auf die Hügelkuppe hinaufzog.

    Für einen Augenblick stand er still, erschöpft und atemlos von dem steilen Aufstieg. Gleichzeitig verspürte er ein Glücksgefühl beim Anblick des verfallenen Gebäudes in der Talsenke unter ihm.


    Gestern

    Der alte Bahnhof mußte seit Jahrzehnten verlassen sein. Peter hatte ihn eher zufällig entdeckt, als er die verlassene Fabrik untersucht hatte, die etwas abseits der Landstrasse darauf zu warten schien, daß Zeit und Natur sie einstürzen liesse.

    Ein sogenannter „Lost Place“, von denen Peter schon viele besucht hatte, obwohl er es nicht mochte, wenn man sie als „verlorene Orte“ bezeichnete.

    Verlassen, das mochte durchaus sein, aber nicht verloren. Früher, so hatte er in Erfahrung bringen können, war die Fabrik ein Schlachthof gewesen, an welchen die Besitzer der umliegenden Farmen ihr Vieh geliefert hatten gegen damals noch gutes Geld.

    Fast drei Jahrzehnte hatten Schlachthof und Viehzüchter voneinander profitiert in diesem weiten Land fernab der grossen Städte. Es hatte eine Bahnstrecke gegeben, zuerst nur für den Fleischtransport. Und irgendwann auch für den Bahnhof für Reisende, auch wenn es nie viele waren, die von hier weg dorthin fuhren. Oder die anders herum herkamen. Meistens nur neue Arbeiter für die Fabrik, angeheuert für die Saison. Ganz wenige nur, die hier aufgewachsen waren und fortgingen, um ihr Glück in den Städten zu versuchen, weil sie nicht wie ihre Väter tagaus, tagein hinter dem Pflug auf die breiten Hintern der Zugochsen blicken wollten, den Geruch des Kuhdungs und den feinen Staub des Ackers, der zum Niesen reizte.


    Und irgendwann hatte es dann aufgehört. Immer mehr Menschen brauchten immer mehr Fleisch. Und die Farmer der Umgegend konnten nicht genug davon liefern.

    Also starb die Fabrik. Und mit ihr die Bahnstrecke aus dem Nirgendwo in die Städte. Und auch der Bahnhof verfiel immer mehr.

    Nachdem schließlich die Gleise des Fahrdammes abgebaut wurden, um ihr Metall anderweitig zu verwenden sorgte die Natur in kurzer Zeit dafür, daß der Bahnhof vergessen wurde.


    Bis Peter ihn wieder entdeckt hatte, der Spur des wild überwucherten Dammes folgend, der sich auf der Rückseite der verlassenen Fabrik im Wald verlor.

    Er hatte fast zwei Stunden gebraucht, sich durch das wild wuchernde Dickicht zu kämpfen, ehe er den Bahnhof zum ersten Mal zu sehen bekam:

    Ein etwa zwanzig Meter langes, schlankes Gebäude mit einem Spitzdach aus schwarzen Ziegeln, von denen etliche sich durch Zeit und Wind aus ihrem Platz gelöst hatten und nun als zerborstene Trümmer auf dem schmalen Bahnsteig lagen. Die meisten Fenster waren zerborsten, stumpf im Licht der Abendsonne und ein Flügel der Eingangstüre, hing jämmerlich schief im Rahmen.

    Efeu hatte sich über die Jahre am Gebäude emporgerankt und liess erahnen, was kommen würde, wenn die Risse im Mauerwerk dem Druck der Wurzeln einmal nachgeben würden.


    „Whow!“

    Mehr konnte Peter bei diesem Anblick nicht sagen. Denn der alte Bahnhof war einer der wenigen verlassenen Plätze, an dem vor ihm noch niemand gewesen war, da war er sich sicher. Und er wurde in seiner Annahme auch nach der Rückkehr in sein Motel bestätigt, in dem er sein Laptop gelassen hatte. Denn wenn er auch vor Aufregung fieberte sank die Herbstsonne zu schnell, um seine Entdeckung näher in Augenschein zu nehmen.


    Die Fabrik, so fand er im Motel heraus, war unter den Menschen, die seine Leidenschaft für vergessene Orte teilten bekannt. Verschiedene Berichte darüber konnte er abrufen. Aber nirgendwo wurde der verlassene Bahnhof erwähnt.


    Er würde der erste sein.


    Heute


    Unter Peters Stiefeln knirschte alter Mörtel. Die Eingangshalle des Bahnhofes war in blasses Licht gehüllt, das durch die stumpfen Scheiben hereinfiel. Er sah sich um.

    Rechts von ihm zwei mit Rolläden verschlossene Theken, hinter denen früher einmal Schalterbeamte mit ihren steifen Mützen gesessen hatten, Fahrkarten verkaufend oder gelangweilt dasitzend für den Fall, dass einer der seltenen Fahrgäste eine Frage an sie richten würde.

    Geradeaus ein Durchgang zum Gleis, das es nicht mehr gab.

    Und zur linken eine breite Tür, halb geöffnet.

    „Scheisse, was ist denn das?“ entfuhr es ihm, als er den Raum betrat, in dem in langen Regalreihen Gepäckstücke lagen.

    Ungläubig betrachtete er die Taschen und Koffer, die Rolltrolleys und Rucksäcke, die hier lagen.

    Teils staubbedeckt von vielen Jahren, teils blank, als wären sie erst vor kurzem hierher gebracht worden.

    An manchen hingen Adressschilder, wie sie früher üblich waren, damit der Reisende sein Eigentum wiedererkannte. Auf anderen fanden sich Aufkleber zum selben Zweck, aber Peter konnte sie nicht entziffern.

    Aus irgend einem Grunde verhinderte es das fahle Licht, durch die staubstumpfen Fenster hereinsickernd, daß er die Namen auf den Schildern lesen konnte.


    „Vielleicht sollte ich hier besser abhauen, bevor...“ dachte Peter, als sich in der Wand hinter den Regalen mit einem lauten 'KLACK' eine Türe öffnete.


    Er trat näher, vorsichtig. Spähte hindurch.

    EineTreppe nach unten. Peter konnte nicht erkennen, wo sie endete. Gleichmässige Stufen, die in ein Dämmerlicht führten. In einen Keller wahrscheinlich. Aber wozu sollte ein alter Bahnhof einen Keller benötigen?

    Peter überprüfte den Inhalt seines Rucksacks.

    Wasser in zwei Flaschen. Eine dünne Schnur, die man am Anfag irgendwo befestigte, um später den Weg zurück finden zu können. Eine Taschenlampe, voll aufgeladen. Und eine Bibel. Mitgenommen, weil sein Grossvater mal gesagt hatte:

    'Die hilft vielleicht nicht jedem, aber schaden tut sie auch keinem.'


    Peter zog die Taschenlampe heraus und leuchtete hinunter. Soweit das Licht reichte, nichts als staubbedeckte, steinerne Stufen in ein unbekanntes Hinunter.


    „Okay,“ sagte er in die Stille hinein. „Dann mal los!“

    Er trat durch die Türe auf den Treppenabsatz.


    KLACK.

    Die Türe hinter ihm hatte si geschlossen.

    Das Licht seiner Taschenlampe offenbarte Peter zwei Dinge.


    Zum einen konnte er hinter sich keine Tür mehr ausmachen. Direkt hinter ihm erhob sich eine glatte Wand. Zum anderen konnte er, sich der Treppe hinab zuwendend erkennen, daß die Stufen völlig ausgetreten waren. So, als hätten sich tausende Füsse in vergangener Zeit damit abgemüht, die einzelnen Stufen zu betreten.

    Und darüber hinaus: Die Stufen hinunter wurden von irgendwoher schwach erhellt, so dass er er nicht stolpern würde, beträte er sie.


    Und so begann er, die Stufen hinunter zu steigen. Wie ihm schien, Stunde um Stunde. Rechts und Links hochaufragende Wände und wenn Peter den Blick nach oben richtete, war da nur unbestimmte Schwärze.

    Irgendwann setzte er sich, müde, zog aus seinem Rucksack eine Flache Wasser hervor und trank davon, obwohl er nicht wirklich ein Bedürfnis dazu hatte. Es erschien ihm nur irgendwie nötig und richtig.

    Er sah auf seine Armbanduhr. Viertel nach drei.

    Unmöglich. Etwa gegen Viertel vor Drei hatte er den Bahnhof betreten. Jetzt war er in dem fahlen Licht wenigstens eine Stunde unterwegs gewesen, diese alte, ausgetretene Treppe hinab.

    Er blickte auf das Zifferblatt. Die Uhr stand. Er schüttelte seinen Arm, betrachtete die Uhr erneut. Sie stand.

    Müde trank er einen Schluck aus der Wasserflasche, verstaute sie wieder im Rucksack und erhob sich.

    Er ließ den Schein der Taschenlampe hin und her wandern, Zuerst nach unten. Dann zurück, hinter sich. Und wieder zurück.

    Fahles Licht, sonst nichts. Und die Treppe. Die Stufen, die er bisher heruntergestiegen war. Und die, welche noch vor ihm lagen, auch wenn das keinen Unterschied mehr machte. Die Wände, rechts und links. Und die Dunklheit über allem.

    "Was soll's, " sagte er und erhob sich. Ging die endlose Treppe hinab, Schritt für Schritt, obwohl die Muskeln in seinen Beinen immer schwerer und steifer wurden.

    "Manche Wege muß man gehen, auch wenn man sie nicht mag".

    Hatte sein Großvater das nicht einmal gesagt?

    Peter war sich nicht sicher, aber es war eigentlich auch nicht ganz so wichtig, hier und jetzt.

    Irgendwann auf dem scheinbar endlosen Weg in die Tiefe, in die die Treppe ihn führte, vernahm Peter ein Geräusch:


    „Tip – Clock, Tip – Clock, Tip -Clock“.


    Peter richtete den Schein der Taschenlampe nach unten. Ein Schatten wurde sichtbar, formlos zuerst. Die Stufen hinaufsteigend, die er hinabsteigen wollte, um den Ausgang zu finden.


    „Tip – Clock“


    Dann die Kontur eines alten Mannes. Ein scharf geschnittenes Gesicht, von unzähligen Falten zerrissen, dessen Körper sich schwer auf den Stock aus durch das Alter schwarzgewordener Eiche stützte, als er die Stufen der endlosen Treppe unter Peter endlich erreichte.


    Der alte Mann verharrte unter ihm, abwartend.

    „Ich möchte hier weg,“ sagte Peter müde. „Wie lange muss ich noch hinabsteigen, um den Ausgang zu erreichen?“

    „Welchen Ausgang suchst Du denn?,“ entgegnete der alte Mann und lächelte wissend.

    "Unten gibt es keinen. Ich weiß es, denn ich komme von dort, sagte er.

    "Aber oben gibt es auch keinen", entgegnete Peter. Und ein eisiger Hauch fuhr ihm über den Nacken.


    "Deinen Rucksack," sagte der alte Mann und streckte seine knöcherne Hand aus. "Wenn Du ihn mir überlässt, wird sich vielleicht der nächste an Dich erinnern."


    Einen alten Bahnhof gibt es, der ein Geheimnis bewahrt...

    • Offizieller Beitrag

    Emilies Einsamkeit


    Wenn es eine Hölle gibt, dann heißt sie „Einsamkeit“. Schon wenn sie das kleine graue Haus mit den winzigen Fenstern sah, das ihrer Großmutter gehörte, begann Maja diese Trostlosigkeit zu beschleichen. Da saßen sie nun am schweren Wohnzimmertisch: Mama, Papa, ihr Bruder Benni und Großmutter Emily. Noch schwerer aber lastete eine bedrückende Stille auf dem Raum, die sonst nur von der Kuckucksuhr an der Wand gestört wurde und die ihre normalerweise kaum um ein Wort verlegene Familie nur schwer zu durchbrechen vermochte.

    „Gehst du denn wenigstens am Sonntag noch zum Kirchenkaffee?“, nahm ihre Mutter schließlich die Unterhaltung wieder auf. Wie immer bildeten sich auf ihrer Stirn tiefe Sorgenfalten, von denen sie auch heute mindestens eine mit nach Hause nehmen würde.

    „Da bringen mich keine zehn Pferde hin.“ Emily schüttelte verächtlich den Kopf. „Was will ich denn mit einem Haufen alter Leute? Die sind immer so verdammt sturköpfig.“ Sie sah sich hilfesuchend um. „Außerdem kann ich um die Uhrzeit nicht. Viertel nach elf. Das ist ja kurz vor zwölf und um zwölf wird zu Mittag gegessen.“

    „Aber du könntest dir das Essen ja auch vom Pflegedienst liefern lassen …“, begann Majas Mutter erneut. „… und die könnten dir direkt ein bisschen beim Haushalt zur Hand gehen.“

    „Sieht es hier etwa schmutzig aus?“, fragte Emily entrüstet.

    „Natürlich nicht …“ warf ihre Tochter schnell ein, während Benni sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. „… aber du brauchst doch verdammt nochmal jemanden, mit dem du dich unterhalten kannst!“

    „Verdammt sagt man nicht!“, entgegnete Emily streng. „Wer hat dich bloß erzogen? Und ich kann mich hier auch verdammt gut mit Aurelius unterhalten.“

    Benni rollte mit den Augen. Der graue Kater hatte es sich auf einem der Sessel bequem gemacht.

    Majas Mutter sah Emily verständnisvoll, aber ein wenig gequält an. „Möchtest du denn nicht auch mal mit einem Menschen reden? Mit uns zum Beispiel?“

    „Ihr wollt mich öfter besuchen kommen?“ Emily blickte hoffnungsvoll in die Runde.

    Die Mutter holte etwas Luft. „Ich … hatte mich eigentlich gefragt, ob du nicht zu uns ziehen möchtest?“ Majas Vater rutschte unbequem auf seinem Stuhl hin und her.

    Der hoffnungsvolle Ausdruck auf Emilies Gesicht erlosch. „Kommt überhaupt nicht in Frage. Ich bleibe hier in diesem Haus“, entgegnete sie mit fester Stimme.

    „Aber …“

    „Wer möchte denn noch ein Eis?“, fragte die Großmutter in die Runde, als hätte sie nichts gehört. „Ich hol uns mal was aus dem Keller.“

    „Bleib sitzen, Oma!“, mischte Maja sich nun ein, als die alte Frau begann, sich mühsam aus ihrem Sessel zu erheben. „Ich mach das schon!“ Dankbar, sich der unangenehmen Situation entziehen zu können, huschte Maja aus dem Zimmer.

    Wie konnte ihre Großmutter nur so an diesem fürchterlichen Haus hängen? Die Bilder, die Tapete, der Teppich – all das schien einem die Lebensfreude förmlich aus den Adern zu saugen. Oder war es vielmehr Emilies Innerstes, das auf dieses Haus abfärbte?

    Als Maja die Treppenstufen zum Keller hinab stieg, reiste sie gedanklich zehn Jahre zurück in die Zeit, in der ihr Großvater noch lebte. Auch wenn sie sich nicht entsinnen konnte, dass Emily jemals etwas daran umgestaltet hätte, sah sie ein viel fröhlicheres Bild der Wohnung vor sich. Unheimlich war ihr dagegen immer schon die Treppe zum Keller gewesen. Unweigerlich wanderten ihre Gedanken zurück zur damals vierjährigen Maja, die regungslos vor der ersten Stufe verharrte und gebannt auf die Stelle starrte, an der die Treppe eine Wendung machte und die Stufen im Dunkel hinter der rauen Steinwand verschwanden. Auch wenn sie schon damals genau gewusst hatte, wohin diese Stufen führten, gab es kaum etwas, das ihre Fantasie mehr beflügelt hatte als die Idee, was wohl hinter dieser Wendung lauern könnte. Sie hatte sich dann immer fest an Omas Bein geklammert und zusammen waren sie ganz ohne Angst die Treppe hinab und wieder hinauf gestiegen.

    Langsam glitt Maja aus ihren Erinnerungen zurück in die Realität und starrte auf denselben Fleck wie ihr damals vierjähriges Ich. Ein Frösteln lief ihren Nacken hinunter. Der absurde Gedanke kam ihr dass, was immer ihrer Großmutter in den letzten Jahren so zugesetzt hatte, nach und nach aus dieser Dunkelheit hinauf gekrochen kam, um sie zu zermürben. Ihre Augen glitten über die hervorstehenden Ziegelsteine, den abgeplatzten Putz und die knöcherne Hand, die darüber huschte …

    Rasch schüttelte Maja den Gedanken ab. Es war ihr fast ein wenig peinlich, als sie sich zwingen musste, die letzten Stufen hinab zu steigen. Sie spürte, wie ihr am ganzen Körper heiß wurde, als sie schließlich die Treppenwendung passierte und wenig überraschend die schwere eiserne Kellertür vor sich fand.

    Die Tür, die so ähnlich auch ihren Keller zuhause abtrennte, brachte eine andere Erinnerung in ihr hervor. Eine deutlich dunklere Erinnerung als die der vierjährigen Maja. Sie war elf gewesen, als ihre Eltern ihr zum ersten Mal die Wohnung für ein Wochenende allein überlassen hatten. Maja hatte sich so einiges vorgenommen – Fernsehen bis mitten in die Nacht etwa. Sie wollte sich noch schnell eine Tüte Chips aus dem Keller holen, als die schwere Tür hinter ihr zu schlug und das defekte Schloss verklemmte. Es dauerte nicht lange, bis Panik in ihr aufkam. Bis sie bemerkte, dass sie hier unten eingesperrt war und dass sie niemand hören und niemand suchen würde. Nach dem ersten Schrecken schien Maja der Ort zunächst sogar ganz gemütlich. Es gab genug zu essen, zu trinken, eine Couch, sogar eine Toilette. Doch als sie nach etwa einem Tag jeden Winkel des kleinen Kellers ausgekundschaftet hatte, krochen erst die Langeweile und schließlich die Einsamkeit langsam, aber unaufhaltsam in sie hinein. Sie sehnte sich so sehr nach einem Gespräch, dass es ihr fast körperliche Schmerzen bereitete. Als sich nach zwei Tagen schließlich die Tür öffnete, rannte sie auf ihren Bruder Benni zu, der sie bis dahin immer nur ausgelacht und geärgert hatte, und drückte ihn so fest an sich, dass beiden die Luft wegblieb.

    Mit einem Schaudern öffnete die vierzehnjährige Maja die Kellertür ihrer Großmutter. Auch wenn Emily hier im Haus natürlich nicht eingesperrt war, hatte Maja eine Idee, wie sich ihre Einsamkeit anfühlen musste. Mit einem Mal war sie mit all ihren Erinnerungen überfordert. Eilig huschte sie durch die Tür und übersah dabei die Stufe zwischen Keller und Treppenhaus, sodass sie stolperte und das Gleichgewicht verlor. Geistesgegenwärtig suchte sie nach etwas, woran sie sich festhalten konnte. Ein Stein ragte aus der Wand hervor. Sie griff danach. Doch zu ihrem Erstaunen löste er sich aus dem Gemäuer und gemeinsam landeten sie auf dem harten Boden.

    Maja blickte ungläubig durch das Loch, das der Stein im Mauerwerk hinterlassen hatte – und aus dem zwei grüne Augen auf sie zurück starrten.

    Instinktiv zuckte sie von der Öffnung zurück und stieß dabei mit ihrem Hinterkopf schmerzhaft an die gegenüberliegende Steinwand.

    „Casim?“, flüsterte sie den Namen des grauen Katers mit zittriger Stimme. Man durfte dieses Tier einfach nicht mit in fremde Häuser nehmen. Sie begann sich wieder aufzurichten und ihren Hinterkopf zu massieren, als ihr einfiel, dass Casim … braune Augen hatte.

    Augenblicklich wurde Maja eiskalt. Im selben Moment verschwand das Augenpaar und ein fremdartiges Kichern hallte durch das Treppenhaus, als würde es von tausenden Wänden gleichzeitig reflektiert.

    Maja schrie. Sie sprang auf, rutschte dabei aus, fing sich aber mit den Händen ab. Sie strampelte wie wild mit Armen und Beinen, um vom Fleck zu kommen und krabbelte schließlich auf allen vieren panisch die Treppe hinauf. Dabei krallte sie sich mit den Fingernägeln in den kalten Stein, um nicht abzurutschen. Der Treppenaufgang schien sich vor ihren Augen zu verengen, ihre Arme und Beine sich wie in Zeitlupe zu bewegen. In ihren Ohren hallte das bizarre Kichern, das sie zu verspotten schien.

    Endlich war sie oben. Maja hastete in die Wohnung, knallte die Tür zum Treppenhaus hinter sich zu und stolperte ins Wohnzimmer, in dem sie vier Augenpaare ungläubig anstarrten.

    „Oh Gott, Maja! Was ist passiert?“ Ihrer Mutter wich die Farbe aus dem Gesicht.

    Majas Blick fiel auf Emily. Wären in diesem Moment nicht alle Augen auf sie selbst gerichtet gewesen, so wäre sicher kaum jemanden entgangen, wie bleich die Großmutter war. Aber da war nicht nur Angst in Omas Blick, erkannte Maja verwirrt. Es war vor allem … ein Flehen. Was wollte die Großmutter von ihr?

    „Im Keller …“ begann Maja zu stammeln. Omas flehender Ausdruck verstärkte sich. „Ich … bin hingefallen. Es war so dunkel.“

    Emilies Züge entspannten sich sichtlich. Maja bekam nicht viel mit von dem, was um sie herum passierte, als sie in den nächsten Minuten versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

    „Bitte überleg’ es dir“, hörte sie schließlich die Stimme ihrer Mutter.

    „Da gibt es nichts zu überlegen“, antwortete Emily bestimmt aber freundlich. „Mein Platz ist hier in diesem Haus, über das Aurelius, mein guter Kobold wacht.“

    Maja blickte kurz auf und sah, wie Benni und ihr Vater sich das Lachen verkniffen. Und auf einmal wusste sie, wann sie dieses Kichern aus dem Treppenhaus schon einmal gehört hatte. Damals, zuhause, eingesperrt im Keller, war es plötzlich da gewesen. Natürlich hatte sie zuerst eine furchtbare Angst bekommen. Aber die Angst wich schnell der Neugierde. Sie hatte Stunden damit zugebracht, danach zu suchen, wo es herkam. Stunden – wie sie jetzt erkannte – die sie vielleicht davor bewahrt hatten, vollends den Verstand zu verlieren.

    Majas Blick traf den ihrer Großmutter. Emily schenkte ihr ein warmes Lächeln, das sie so seit Ewigkeiten nicht mehr bei ihr gesehen hatte. Mit einem Mal spürte sie wieder dieselbe Verbundenheit mit ihr, wie es die vierjährige Maja getan hatte, als sie an Omas Bein die Treppe herunter geschlichen war. Und ihr wurde klar, was sie da im Keller gesehen hatte.

    „Vergesst euren Kater nicht - der macht mich noch wahnsinnig“, hörte Maja ihre Großmutter mahnen, als die Familie aufbrach. Zum Abschied sah sie sich noch einmal in der Wohnung um und zu ihrem Erstaunen wirkte diese nicht mehr trostlos, sondern irgendwie gemütlich. Selbst die Kellertreppe schien ihr nicht mehr unheimlich, sondern eher geheimnisvoll. Sie trat nach draußen und am Fenster stand Emily, winkte und wirkte dabei ungewöhnlich fröhlich. Viel ungewöhnlicher aber war das kleine Männchen – vielleicht so groß wie ein Schneebesen - das auf ihrer Schulter saß. Die beiden kicherten verschwörerisch miteinander, wie zwei alberne Kinder auf dem Schulhof.

    Vielleicht hieß die Hölle „Einsamkeit“, aber dann war Aurelius wohl kaum ein Teufel, sondern vielleicht eher ein Engel. Maja winkte zurück.

    • Offizieller Beitrag

    Dreizehn Stufen


    „Dora, kannst du bitte ein Stück Butter aus dem Keller holen?“

    Der Kopf meiner Tochter ruckte hoch. Ihre Hände, die eben noch das ständig neu wuchernde Unkraut in unserem kümmerlichen Gärtchen gezupft hatten, verharrten reglos.

    „Ich?“, vergewisserte sie sich und strich sich eine blonde Strähne, die sich unter dem Kopftuch hervorgestohlen hatte, hinter das Ohr.

    „Ja. Und wenn es geht, gleich, bitte.“ Ich schloss das Fenster und schob den Blumentopf mit der Petersilie wieder davor. Es ging auf den Abend zu, in einer halben Stunde würde Hans aus der Schmiede kommen und sein Abendessen vorfinden wollen. Die Butter, die Dora holen sollte, gehörte dazu. Ich bewahrte sie im Keller in einem kniehohen Holzfass auf. Sie war mir gut gelungen und ich geizte normalerweise sehr mit diesem goldenen Luxus. Aber Hans brauchte eine ordentliche Mahlzeit.

    Dora ließ auf sich warten. Ich schob die grün-karierte Gardine zur Seite und spähte noch einmal durch das Fenster. Das Mädel stand im Hof und redete auf ihren großen Bruder ein. Amos hörte ihr zu, dann verschränkte er die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. Doch sie fasste ihn am Hemdsärmel und sah ihn fast flehend an. Erneut sagte sie etwas und der Gesichtsausdruck von Amos änderte sich. Der Elfjährige starrte seine Schwester verwundert an, dann begann er zu lachen und nickte schließlich.

    Gleich darauf kam er durch die Hintertür herein, marschierte durch die Küche und öffnete die Tür zum Keller. Ich hörte ihn die Treppe hinabsteigen und nur ein paar Augenblicke später war er zurück.

    „Hier, deine Butter.“ Er legte das in Ölpapier eingeschlagene Päckchen auf die Anrichte und wollte wieder verschwinden.

    „Warte!“

    Mein Ruf ließ ihn stehen bleiben. Verwundert wandte er sich um.

    „Warum ist Dora nicht selbst gegangen?“, fragte ich scharf.

    „Sie hat gefragt, ob ich für sie gehe.“ Er hob die Schultern. „Und sie hat mir ihren Kluntje dafür versprochen.“

    Ich nickte verwirrt. Jedes meiner beiden großen Kinder bekam am Samstagabend einen Kluntje, ein Stückchen braunen, kandierten Zucker. Es war eine Kostbarkeit und oft das Druckmittel für das Durchsetzen von Forderungen. Und Dora hatte den Ihren Amos versprochen, weil sie keine Butter holen wollte?

    Ich schaute noch einmal durchs Fenster. Das Mädel hatte sich wieder zwischen die Beete gehockt und zupfte weiter Unkraut.

    Nach dem Abendessen – Hans und Amos waren im Stall zum Füttern, das Baby schlummerte in der Wiege – stellte ich meine Tochter zur Rede.

    „Warst du heute zu faul zum Butterholen?“, wollte ich wissen.

    Sie sah mich an und ich bemerkte wieder den sonderbaren Ausdruck in ihren Augen, den ich schon vorhin gesehen, aber nicht weiter beachtet hatte. War das – Trotz?

    „Ich ...“, begann sie, brach aber ab.

    „Also?“ Ich ließ nicht locker.

    Eine Weile hielt sie meinem strengen Blick stand, dann senkte sie den Kopf. „Ich mag nicht mehr in den Keller gehen“, flüsterte sie.

    „Was soll das?“ Ich stemmte die Arme in die Hüften. „Du bist sieben. Sag mir jetzt nicht, dass du dich fürchtest!“

    Sie schwieg.

    „Dora?!“

    Ihr Kopf ruckte hoch und ich sah erschrocken die Tränen in den großen Kinderaugen.

    „Doch, Mama.“

    Es war nur ein gehauchtes Wort und in ihm schwang eine so große Furcht mit, die mir einen kurzen Schauer über den Rücken sandte.

    „Wieso? Was ist denn so Fürchterliches im Keller?“ Ich ließ den drohenden Unterton aus meiner Stimme verschwinden, denn Doras Angst war echt. Kinder bildeten sich manchmal seltsame Dinge ein.

    „Nichts.“ Sie knetete ihre Hände. „Im Keller ist nichts Fürchterliches. Es ist die Treppe.“

    „Die Treppe?“ Ich verstand nicht, was sie meinte. „Hast du Angst, weil es dunkel ist da unten? Du kannst die Kerze mitnehmen, das weißt du doch.“

    Sie schüttelte den Kopf. Ihre Unterlippe zitterte und nun rann eine Träne über die rundliche Wange. „Die Treppe hört nicht auf, Mama.“

    Ich wollte lachen, doch irgendwie brachte ich es nicht fertig. Zu seltsam war diese Äußerung. Unsere Kellertreppe hatte dreizehn Stufen. Ich wusste es, denn ich fegte sie wöchentlich und ich war auch schon hinuntergestiegen, ohne auf sie zu schauen.

    „Was meinst du?“, forschte ich deshalb.

    Sie zuckte mit den Schultern. „Es geht immer tiefer hinunter. Aber man kommt nicht in den Keller. Und es wird immer kälter.“

    Sie meinte das ernst. Das war keine normale, blühende Kinderfantasie, die auf die seltsamsten Dinge kam.

    „Wann hast du das gemerkt?“

    „Gestern, als ich den Besen holen wollte.“ Sie starrte wieder auf den Fußboden und schob die vorwitzige Haarsträhne zurück.

    „Und warst du seitdem noch einmal unten?“

    Hastig schüttelte sie den Kopf. „Ich will auch nicht mehr. Ich hatte solche Angst. Ich war so weit hinuntergestiegen, dass ich die Kellertür nur noch als winzig kleines, helles Viereck weit oben sah. Dann ist die Kerze ausgegangen und ich bin ganz schnell wieder hinaufgerannt.“ Jetzt zitterte sie.

    Ich ging zur Kellertür und öffnete sie. Misstrauisch spähte ich in das Dunkel unter mir. „Komm her, wir gehen gemeinsam. Du wirst sehen, es ist alles in Ordnung.“

    Ihr Entsetzen konnte nicht größer sein. Sie schüttelte wild den Kopf, während sie zwei, drei Schritte zurückwich, bis sie mit dem Rücken gegen den großen Küchenschrank stieß.

    Ich verzog verärgert das Gesicht, nahm den Kerzenhalter vom Wandbord und zündete den Docht an. „Dann gehe ich allein. Amos ist vorhin unten gewesen. Er hat nichts von einer nicht endenden Treppe gesagt. Stell dich hier an die Tür und beobachte mich.“

    Ich wartete, bis sie neben dem Türrahmen stand, dann begann ich die Stufen hinabzusteigen. Elf, zwölf, dreizehn. Alles wie immer. Unten angekommen, drehte ich mich um und schaute zu Dora hinauf.

    „Siehst du? Alles gut. Die Treppe ist wie immer. Du hast dich getäuscht.“

    Sie schwieg.

    Langsam ging ich wieder nach oben, stellte die Kerze ab und strich ihr über den blonden Schopf. „Geh schlafen“, meinte ich versöhnlich. „Vergiss das einfach.“

    Dora wandte sich um und verschwand in der Schlafkammer der Kinder. Später kamen Hans und Amos herein. Ich erzählte ihnen Doras Schauergeschichte und Amos meinte daraufhin, dass sie ihm dasselbe gesagt hatte. Deshalb sei er für sie Butter holen gegangen.


    Am nächsten Morgen war alles wieder in Ordnung. Der Vormittag verging mit dem Kirchgang und zu Hause angekommen, war es auch schon Zeit, das Mittagessen zu kochen.

    „Dora, bitte geh Kartoffeln holen“, rief ich.

    Sie kam aus der Kinderkammer, ihre Puppe im Arm. „Mama ...“, begann sie stockend.

    „Nein, Schluss mit dem Unsinn. Ich habe dir gezeigt, dass Treppe und Keller in Ordnung sind und nichts da unten ist, wovor man sich fürchten muss. Es kann nicht jedes Mal jemand für dich da hinuntersteigen. Du gehst!“

    Sie zögerte noch einen Moment, dann legte sie die Puppe auf die Küchenbank und griff nach dem Kerzenhalter und der Schüssel.

    Ich lächelte ihr mutmachend zu, als sie die Kellertür öffnete, und wandte mich wieder zu dem Kohl um, der geschnitten werden musste. Hinter mir hörte ich ihre Schritte auf den Stufen.

    Sie ließ sich Zeit. Irgendwann – der Kohl war schon im Topf, beschloss ich, nach meiner Trödelliese zu rufen. Keine Ahnung, was sie so lange da unten machte. Ja, die Kartoffeln waren in einer der hinteren Ecken, aber so lange konnte es unmöglich dauern, welche zu holen.

    „Wo bleibst du?“, rief ich die Treppe hinab. „Die Kartoffeln müssen aufgesetzt werden!“

    Keine Antwort.

    „Dora?“

    Es blieb still.

    Ich ging ein paar Stufen hinab und rief erneut. Kein Laut. Und auch kein Licht.

    Mein Herz fing an zu klopfen. Ich hastete zurück in die Küche, zündete eine zweite Kerze an und stieg dann die dreizehn Stufen hinunter. Unten angekommen blieb ich stehen, sah mich um und rief erneut.

    Dora war nicht im Keller.

    Noch einmal rief ich ihren Namen. Längst klang meine Stimme schrill vor Angst. Die Treppe hört nicht auf, hatte sie gesagt.

    „Mama?“

    Ich konnte sie hören. In der Stille, die meinem Schrei folgte, hörte ich ihren. Weit entfernt, gedämpft und – tief unter mir. Ich fuhr herum und starrte auf den Boden unter meinen Füßen.

    „Dora! Komm zu mir, meine Kleine. Steig die Stufen wieder nach oben! Ich warte hier!“

    Ein Schluchzen, kaum vernehmbar, dann wieder ganz leise: „Ich kann nicht!“

    „Du kannst, mein Schatz, komm zu mir herauf!“

    „Es geht nicht. Die Tür kommt nicht näher. Ich steige schon so lange hinauf, Mama, so lange. Die Treppe hört nicht auf!“


    Irgendwann fand ich mich von den Armen meines Mannes umklammert, der mich daran hinderte, mit bloßen Händen und blutenden Nägeln weiter den festgestampften Lehmboden neben der Kellertreppe aufzugraben. Ich schrie und tobte, als er mich von dort wegzog. Immer wieder rief ich meine Tochter, obwohl mein Verstand längst begriffen hatte, was meine Augen ihm gezeigt hatten:

    Es gab keine vierzehnte Stufe.

    • Offizieller Beitrag

    Das Singen der heiligen Flamme


    Lieber Freund,

    Wenn du diesen Brief in Händen hältst, dann hat mich meine Neugier endgültig an einen Ort geführt, der den Menschen meist verborgen bleibt. Denn er liegt hinter dem dünnen Vorhang, der die Welt der Mythen und Albträume von dem trennt, welches wir gemeinhin als Realität bezeichnen.

    Wir beide lieben und den respektieren das Alte und Ehrwürdige. Daher kannst du meine Freude sicher verstehen, als die betagte Villa am Stadtwald endlich zum Verkauf angeboten wurde. Nachdem Fenster und Dach gerichtet sowie die Böden geschliffen und neu versiegelt waren, zog ich zunächst in das geräumige Kaminzimmer ein.

    Ich begann voller Elan mit der Arbeit an dem neuen Manuskript. Das leise Summen appellierte am dritten oder vierten Tag der in Besitznahme des Herrenhauses erstmals an mein Bewusstsein. Es drängte an die Oberfläche und überraschte mich als kaum wahrnehmbare, aber eindringliche Melodie. Ich folgte dem Klang und fand eine schmale Tür, die ich stets für den Zugang zu einer Abstellkammer gehalten hatte. Als ich die Hand auf den Knauf legte, sprang die Tür auf und gab eine steinerne Treppe frei. Diese machte nach wenigen Stufen eine scharfe Kurve und schien in den Keller zu führen. Erst schrak ich vor der abgrundtiefen Finsternis des Ganges zurück, aber die Melodie drang nun deutlich von den unergründlichen Untiefen zu mir hinauf und lockte mich. Mir wurde klar, dass die Musik keinem von Menschen ersonnenen Instrument entsprang, das was ich hörte, entstammte einer anderen Quelle. Diese Melodie war engelsgleicher Gesang.

    Unsicheren Fußes betrat ich den schmalen Steig. Meine Finger strichen in der Dunkelheit über grob behauenen Stein. Tastend schritt ich vorwärts, dabei ging es in einer engen Spirale immer weiter hinab und hinab, bis ich einen sanften Schimmer wahrnahm. Unweit zeichnete sich der Schatten eines Felsens ab und dahinter glimmte ein Licht. Mit schnellen Schritten verließ ich Treppe und Gang.

    Unmittelbar stand ich vor einer atemberaubenden Landschaft. Ich befand mich auf einem sanften Hügel, grasartige violette Vegetation wiegte sich im warmen Wind. In der Ferne zeichneten sich titanenhafte Bäume ab. Zahlreiche ovale, rötlich schimmernde Blattgebilde streckten sich von regelmäßig angeordneten Ästen zum bernsteinfarbenen Himmel. Keine Sonne stand am Firmament, dennoch ging von ihm ein matter Glanz aus, der die Welt in ein fahles, überweltliches Licht tauchte. Dahinter glitzerten unbekannte Sterne. Meine Gedanken schwanken zwischen Faszination und blankem Entsetzen. Voller Panik eilte ich zurück, das Pochen meines Herzens verlangsamte sich, als ich die Stufen erreichte, die in die bekannte Welt führten. Der Weg war nicht verstellt, ich konnte jederzeit zurückkehren. Der rationale Mensch in mir versuchte nun, die Dinge einzuordnen und in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Lag unter dem Haus seit jeher ein Spalt in der Raumzeit? Oder hatte der Vorbesitzer ein verborgenes Prinzip entdeckt und einen Durchgang erschaffen, der die Erde mit der fernen Welt verband, auf deren Boden meine Füße nun standen?

    Langsam begriff ich, welche Gelegenheit für ungeheure Entdeckungen sich mir hier bot. Zudem lockte mich die fremdartige Musik. Vorsichtig ging ich den Hang hinab. Monolithische Felsen ragten wie Wegmarken auf und markierten einen Pfad hinunter in den bizarren Wald. Die süße Melodie rief unaufhörlich, wie von Halluzinogenen übermannt schritt ich voran. Mir blieb der drogengleiche Einfluss der Klänge auf meine Gedanken und Wünsche nicht verborgen, diese Wirkung beseelte mich und ängstigte mich zugleich. In einem wacheren Moment holte ich ein Papiertaschentuch hervor. Ich zerriss es in zwei Teile und formte Keile, mit denen ich mir die Ohren verstopfte. Die Musik verstummte nicht ganz, rief jedoch weniger dringlich und ich konnte wieder klarer denken. Der Weg mündete in eine weit größere Straße, die mit meterlangen quadratischen Steinen gepflastert war. Ich bemerkte die drei Flügelwesen erst recht spät. Ohne von meiner Anwesenheit irritiert oder verwundert zu sein, schritten sie an mir vorbei und lächelten freundlich. Voller Erstaunen sah ich den schönen Gestalten nach, deren schmetterlingshaften Flügel in hellem Orange und Blau schimmerten. Ihr Erscheinungsbild war trotz der Fremdheit unerwartet menschlich. Die beiden größeren Wesen waren offensichtlich männlichen Geschlechts, während das grazilere in der Mitte eine junge Frau darstellte. Ich beschloss, den friedlichen Geschöpfen eine Weile zu folgen, wobei ich einige Meter Abstand hielt, um die Reisenden nicht zu verschrecken. Das Weibchen wandte sich kurz um und schenkte mir ein ermunterndes Lächeln. Die Nähe der Schmetterlingsmenschen gab mir frischen Mut.

    Umso mehr erschütterte mich der Anblick der Stadt, die vor uns aufragte, als wir eine weite Ebene erreichten. Die Metropolis schien von wahren Riesen erbaut und das Zentrum eines sagenhaften Reiches zu bilden, denn von allen Richtungen strömte Volk der gewaltigen Stadtmauer entgegen. Ich sah krebsartige Lebewesen und durchscheinende metergroße Quallengeschöpfe, die über uns schwebten und sich an den Tentakeln hielten. Die Vielfalt an Formen und Spielarten des Lebens beschäftigte meinen Geist, sodass ich die lauter werdende Musik erst wieder bemerkte, als die Prozession das Stadttor erreichte. Die Wachen, die uns gelangweilt durchwinkten, gehörten wohl der einheimischen Spezies an. Sie besaßen eine auberginenfarbene ledrige Haut, hatten Mund und Nase, sowie kreisrunde dunkle Augen. Ich fand die Flügelwesen grade noch in der Menge wieder und folgte ihnen rasch. Zu meiner Freude warteten sie, bis ich mich angenähert hatte. Wir kamen an einer gläsernen Röhre vorbei, durch die eine grünlich leuchtende gasförmige Substanz geleitet wurde. Sie mündete in einen Brunnen, in dem warmes Wasser dampfte. Waren die Röhren Teil der Energieversorgung der Metropole?

    Auf dem Weg trafen wir immer wieder auf die Leitungen, sie schienen ein weitverzweigtes Netz zu bilden, das in jedes Haus und jede Wohnung führte. Dann sah ich das Ziel unseres Weges. Der Tempel war von monumentalen Ausmaßen, gewaltige weiße Säulen hielten die ersten Stockwerke, darüber wuchs das Gebäude in Form einer spitz zulaufenden Pyramide bis in den Himmel. Dorthin strömten die Pilger, den nichts anderes waren wir, Pilger auf dem Weg zum inneren Heiligtum der Welt und die freundlichen Bewohner der Stadt hüteten es. Meine Begleiter duldeten mich nun in ihrer Mitte, gemeinsam gingen wir die breite Treppe hinauf, dem Gesang entgegen. Die geöffneten Tore führten in eine weite, hohe Halle. Dort tanzte sie, die Quelle der himmlischen Melodie.

    Die grüne Flamme entsprang einem kreisrunden Loch in der Mitte des Raumes und flackerte mal flach und mal hoch hinauf. Keiner der Pilger sprach und doch fühlten alle das Gewicht des hehren Moments. Ich sah Wesen kniend oder das Haupt neigend vor der heiligen Flamme. Jeder betete auf seine eigene Weise und ich selbst fiel seufzend auf die Knie. Meine Gefährten hoben den Kopf zum Himmel und streckten die Arme empor. Die Melodie steigerte sich zu einer intensiven Kadenz von verführerischen, ja fordernden Tönen. Der Gesang versprach süße Erfüllung, ungezügelte Freiheit und unendliche Liebe. Lockend flackerten die Feuerzungen ihren hypnotischen Tanz. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, mich mit der Flamme zu vereinen. Die vage Idee wuchs zu heiligem Verlangen. Zugleich geriet über uns der Schwarm von Quallenwesen in Bewegung. Sie schwebten auf das grüne Licht zu. Ich hielt den Atem an. Ein stilles Raunen ging durch den Saal, als die erste von dem Feuer berührt wurde und in einer Stichflamme verging. Die anderen folgten in schneller Abfolge. Wie ich sie beneidete. Eine große Unruhe erfasste die gesamte Pilgerschaft, zwei meiner Schmetterlingskameraden flogen auf. Immer mehr Pilger stürzten sich in das grüne Licht und auch die beiden Flügelwesen verglühten in der heiligen Flamme. Die Hallendecke füllte sich mit jenem Gas, das ich in den gläsernen Röhren bemerkt hatte, gleichzeitig nährte der Opfertod den Gesang. Sie rief mich zu sich.

    Ich stand auf und wollte nähertreten und endlich eins werden mit der Melodie der Welt, die das Universum zusammenhielt. Doch ein fester Griff hielt mich zurück. Es war das Schmetterlingsmädchen, sie starrte in die Flamme und sah mir dann direkt in die Augen. Tränen rannen ihre Wangen hinab. Erst verstand ich nicht. War sie verzückt? War sie traurig? Sie nahm meine Hand und führte mich aus dem Tempel der singenden Flamme. Wir hasteten durch die monumentale Stadt. Niemand hielt uns auf.

    Schließlich standen wir auf dem Hügel neben dem grauen Felsen, hinter dem sich die Treppe in die Welt der Menschen verbarg. Sie löste sich nur widerstrebend von mir und hauchte einen schüchternen Kuss auf meine Wange. Zögernd ging sie auf den Wald zu, dann breitete sie die herrlichen Flügel aus und verschwand über den Wipfeln der Bäume. Ich blieb allein zurück. Eine Weile starrte ich in den fremden Himmel und die unbekannten Sternenbilder. Die Musik rief weiterhin sehnsuchtsvoll nach mir, aber ich wandte mich ab. Ich erklomm die Treppe in die bekannte Welt und schloss die Kellertüre hinter mir.


    Lieber Freund. Du magst nachempfinden, dass ich am nächsten Tag, als ich zur Mittagszeit in meinem Bett erwachte, die Ereignisse als bloßes Traumgebilde abtat. Mir gelang es gar für einige Zeit, dem gewohnten Tagwerk nachzugehen, dann stahlen sich mehr und mehr Bilder und Eindrücke des Ausfluges in jene fremde Welt in mein Bewusstsein. Immer wieder erschien mir die Flamme in den Träumen. An den Kuss des Schmetterlingsmädchens, dachte ich selbst am Tage. Der Mond stand hell und voll am Himmel, als ich die lockende Melodie erneut vernahm. Ich wusste, ich sollte rennen oder den Zugang in jenes ferne Reich verschließen. Aber ich konnte es nicht tun. Was, wenn der junge Schmetterling den Ruf der grünen Flamme ebenso hörte wie ich? Sie hatte mich gerettet. War es nicht an der Zeit, ebengleiches für sie zu tun? Sie zu retten, oder gemeinsam mit ihr im Licht der heiligen Flamme Erlösung zu suchen?

    Ich werde jetzt gehen.

    • Offizieller Beitrag

    Ritter der Kellertreppe


    Unter uns'res Kellers Treppe

    schwer verwundet ich mich schleppe.

    Ganz umstellt von Monstern mächtig,

    fühl ich mich berechtigt schmächtig.

    Ohnmächtig ob der Gerechtig-

    losigkeit in diesem Schlechtig-

    keit erleg'nen... äh, Keller.


    Woher kommt des Finstren Horde,

    stets bereit zu feigem Morde?

    Sind sie etwa selbst in Not,

    brauchen bloß ein Scheibchen Brot?

    Oder mopsen sie die Teller

    und noch unser'n letzten Heller?

    Wieso... Wieso UNSER Keller?


    Schlimm tut meine Wunde weh,

    heftig pocht der große Zeh,

    An der Kante angestoßen

    bin ich als ich grad mit bloßen

    Händen rückwärts taumelnd fiel -

    das war echt ein Scheißgefühl.


    Weder Schwert noch Zauberei

    steht mir hier im Kampfe bei.

    Nun auf! Wir ziehen ins Gefecht,

    das Bügeleisen kommt g'rad recht

    und tapfer schlag ich glatt entzwei

    der Monster buntes Allerlei.


    Ich treib sie fort mit fieser Miene,

    rittlings auf der Waschmaschine,

    ich stech' sie mit dem Besenstiel

    und werf nach ihnen mächtig viel

    - in höchst erhab'ner Ritterpose -

    vom Zauberpulver aus der Dose.

    Das reinigt doch auch meine Hose!


    Hab ich mich doch bloß erschrocken

    vor den Hemden und den Socken!

    Trotzdem war's ein Abenteuer,

    wenngleich ohne Ungeheuer,

    und auch mein wunder, großer Zeh

    tut mittlerweile nicht mehr weh!

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Leute


    Ich habe leider meinem Namen alle Ehre gemacht und einen Beitrag vergessen ... ich hab ihn jetzt hinzugefügt - bitte vergesst ihn nicht beim aabstimmen!

    Der Wanderer und Thorak ihr könnt eure stimmen ändern, falls die neue Geschichte eurer Meinung nach gewinnen sollte :)


    Tut mir leid (besonders für den Autoren der Geschichte) :/


    LG Chaos