Far beyond "Der Lokführer Lukas". Politisch korrekte Literatur.

Es gibt 100 Antworten in diesem Thema, welches 4.784 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (28. März 2024 um 07:55) ist von Thorsten.

  • Hallo allerseits,

    Im Moment wird auf sozialen Medien, wie Facebook, von Leuten, die ich mag, häufig geäußert, dass sie Leute Sperren, die nicht ihrer Meinung sind. Das sind Themen, die Genderthemen ansprechen oder vermeintliche „Wokeness“ thematisieren, den Krieg ansprechen, oder die Benutzung von bestimmten Wörtern in der Literatur betreffen, wie in der durch die Medien gehenden „Lokführer Lukas“ Diskussion. Verengt diese Haltung den Diskurs nicht unnötig? Wobei ich zugeben muss, dass eine Diskussion auf den sozialen Medien kaum möglich ist, da sie seltsame Leute anlocken. Wie auch immer. Michael Ende zum Beispiel ist sicherlich kein Rassist, ganz im Gegenteil. Er hat Herrn Ärmel das Wort „Neger“ nutzen lassen, um den spießigen Charakter zu charakterisieren. Heute würde er es sicher nicht so einsetzen. Die Verlagsentscheidung diese Stelle zu entschärfen ist daher möglicherweise in seinem Sinne. Aber wer weiß das?

    Ich mache mir darüber Gedanken, wo diese Änderungen anfangen und wo sie aufhören. Und, wer entscheidet über solche Änderungen? Bei mir bleibt ein ungutes Gefühl. Als ich die Geschichte mit meiner Tochter (jetzt 12) gelesen habe, habe ich sie darauf hingewiesen, dass man dieses Wort heute nicht mehr so benutzt. Ähnlich habe ich mit Astrid Lindgreens „Negerhäuptling“ verfahren. Man kann den historischen Kontext von Literatur erklären und dadurch Bildung vermitteln.

    Wenn man alles glattschleift gibt es keinen Diskurs mehr und wovon soll die Literatur und letztlich auch die Demokratie dann leben? Filme, wie von Quentin Tarantino würden heute wohl nicht mehr gedreht werden. Inzwischen werden selbst Computerspiele systematisch entschärft. Naja. Besonders akut wird dieses Problem bei älterer Literatur, wie die von Mark Twain. Er ist ein Antirassist, der jedoch Worte nutzt, die heute als problematisch gelten. Diese Werke kann man doch nicht einfach anpassen. Oder?

    Was machen wir mit offensichtlichen Rassisten wie Lovecraft, der große Literatur verfasst hat, aber in Teilen sehr problematisch ist? Ich selbst habe in „Das Licht von MASARU“ eine Person geschildert, die alle Klischees einer Dragqueen verkörpert. Dazu habe ich meine Erfahrung aus Berlin und aus nächtlichen Streifzügen durch Sankt-Pauli genutzt. Dies könnte man als Verbalhornung von Trans-Personen fehlinterpretieren, wenn man es möchte. Sollte man sich als Autor von allen Klippen fernhalten. Kann nicht ein Arschloch in einer Geschichte auch Neger sagen?

    Die Welt ist so komplex wie das Leben und die Ansichten. Das sollten wir uns nicht nehmen lassen.

    Was denkt ihr?


    PS. Ich vertraue auf euch, dass die Diskussion zivilisiert und respektvoll verläuft. Bei grenzwertigen Kommentaren werde ich "Tsch!" machen.

  • Heyho.

    Ich steige mal ein.

    Leute sperren

    Im Moment wird auf sozialen Medien, wie Facebook, von Leuten, die ich mag, häufig geäußert, dass sie Leute Sperren, die nicht ihrer Meinung sind.


    Was für uns alle schwierig ist: Die Reizüberflutung: Permanente "Informationen", so schnell, daß sie die meisten nicht oder nur teilweise verarbeiten können. Zu jeder geäußerten Meinung in Sekundenschnelle eine Gegenmeinung. Ständige Aufforderungen, etwas zu "liken" oder Scheisse zu finden. Und der (tatsächlich nur scheinbare Druck) sofort reagieren zu müssen.

    Mal ehrlich: Das Massaker der Hamas und alles, was sich minutengenau danach welt weit über's Internetz verbreitet hat, hätte vor 30 Jahren etwa so ausgesehen:

    Die Nachricht wäre abends um 20:00 Uhr in der Tagesschau gewesen. Die nächsten und neuesten Infos dazu etwa zur gleichen Zeit, einen Tag später. Und dann wieder einen Tag später.

    Wir wurden informiert, aber in für unser Hirn erträglichen Dosen.

    Uns fehlen heute einfach die Pausen. Liegt auch an uns selbst: Die meisten machen den Bockmist ja mit. Früher war ich froh, wenn die Leute in der Strassenbahn nicht soviel dummes Zeug gequatscht haben. Heute habe ich eher davor Angst, wenn die Bahn vollbesetzt ist, aber jeder nur noch auf sein Telephon starrt.

    Die Menschheit verwandelt sich in einen Haufen Smombies. Und schlimmer noch: Weil sie nicht mehr miteinander reden, geht die Fähigkeit der Debatte, der Diskussion und des Meinungsaustausches immer rasanter verloren. Dann läuft es nur noch auf "Mag ich" "Mag ich nicht" hinaus. Und das ist der Scherbenhaufen und Grund dafür, warum Leute andere "sperren". Vom mündigen Menschen zum grenzdebilen Idioten im Sandkasten: "Mit Dir spiele ich nicht mehr".

    Sollte man sich als Autor von allen Klippen fernhalten?

    Ein Autor sollte sich von gar nichts fernhalten. Besser noch: Die Frage darf sich eigentlich gar nicht erst stellen, denn dann haben wir schon einen Schritt in die falsche Richtung gemacht...daß nämlich ein Autor sich im Vorfeld des Schreibens bereits Gedanken darüber macht, wie er sich formulieren "soll" (darf/kann etc.). Tut er das hat er bereits eine Vorzensur akzeptiert, an der jede schriftstellerische Impulsivität und Kreativität scheitern muß.

    Er beschränkt sich schon im Vorfeld selbst. Wer so eine Geschichte startet, schreibt keine mehr, zumindest keine gute. Schöpferischer Geist lebt von frechen und ungehobelten Ideen. Und sich darüber zu erregen und darüber zu streiten - wenn es denn etwas darin zu streiten gibt - ist das nicht das, was Kreativität, also den schöpferischen Prozeß überhaupt erst einmal ausmacht?

    Den gegenseitigen Austausch?

    Wer hat denn das Recht, sich ein Recht anzumaßen, was "richtig" oder "falsch" ist an der Wortwahl in einem Text??

    Michael Ende zum Beispiel ist sicherlich kein Rassist, ganz im Gegenteil. Er hat Herrn Ärmel das Wort „Neger“ nutzen lassen, um den spießigen Charakter zu charakterisieren. Heute würde er es sicher nicht so einsetzen. Die Verlagsentscheidung diese Stelle zu entschärfen ist daher möglicherweise in seinem Sinne. Aber wer weiß das?

    Michael Ende ist tot. Ob er das Wort "Neger" heute nicht mehr einsetzen würde, bezweifele ich. Das sich sein Verlag posthum entschieden hat, das Wort nicht mehr zu verwenden, ist schlichtweg eine Unverschämtheit dem Autor und eine Frechheit dem Leser gegenüber (da er den Autor nicht mehr in der originalen Fassung zu lesen bekommt). Grob gesagt: Hier wird Schönrederei und Lüge (denn das ist es: Das Manuskript eines Schriftstellers ohne sein Einwilligung dahingehend zu verändern, daß es dem Zeitgeist entspricht) Tür und Tor geöffnet.

    Wer das mag: Kauft die Neuausgaben.

    :patsch::patsch::patsch:

    Was machen wir mit offensichtlichen Rassisten wie Lovecraft, der große Literatur verfasst hat, aber in Teilen sehr problematisch ist?

    Ich kann das nicht mehr hören: "Was machen wir mit..."

    "Wir" machen da gar nichts mit. Was Du damit machst, würde ich gerne mal hören. Damit es nicht so schwer ist:

    Ich mache mit dem Umstand, daß H.P.Lovecraft Rassist (war er das? Woran machst Du das fest? An seiner oder an unserer Zeit???) war gar nichts. Er war ein Kind seiner Zeit und hat uns, darin geboren, aufgewachsen und gestorben einige der intensivsten Horrogeschichten hinterlassen, die ich kenne.

    Wer will der Richter über H.P.Lovecraft und seine Geschichten sein?

  • Michael Ende zum Beispiel ist sicherlich kein Rassist, ganz im Gegenteil. Er hat Herrn Ärmel das Wort „Neger“ nutzen lassen, um den spießigen Charakter zu charakterisieren. Heute würde er es sicher nicht so einsetzen. Die Verlagsentscheidung diese Stelle zu entschärfen ist daher möglicherweise in seinem Sinne. Aber wer weiß das?

    Michael Ende ist tot. Ob er das Wort "Neger" heute nicht mehr einsetzen würde, bezweifele ich. Das sich sein Verlag posthum entschieden hat, das Wort nicht mehr zu verwenden, ist schlichtweg eine Unverschämtheit dem Autor und eine Frechheit dem Leser gegenüber (da er den Autor nicht mehr in der originalen Fassung zu lesen bekommt). Grob gesagt: Hier wird Schönrederei und Lüge (denn das ist es: Das Manuskript eines Schriftstellers ohne sein Einwilligung dahingehend zu verändern, daß es dem Zeitgeist entspricht) Tür und Tor geöffnet.

    So ist es. Schon ein gebranntes Kind, durch das Berufsverbot seines Vaters Edgar Ende unter den Nazis , stieß ihm später sauer auf, dass "typisch deutsch" phantastischer Literatur Nutzlosigkeit vorgeworfen wurde.

    Und [Ende] selbst hatte ja auch schon mit einem Lautsprecher der links-sozialistischen Kinderkultur-Ästhetik Bekanntschaft gemacht – Otto F. Gmelin hatte 1972 über die „Jim Knopf“-Bände geschrieben, „Bücher dieser Art“ seien „nichts andere als der verramschte Kolonialismus unserer Großväter“. Es war der schmerzhafte Vorwurf der mangelnden politischen Korrektheit, und er saß tief, obwohl der Begriff erst zwanzig Jahre später in Gebrauch kam. [I]

    Ende reagierte verletzt. Er halte absolut gar nichts von den Versuchen des Literaturbetriebs, in Kindern partout ein „kritisches Vermögen“ wecken zu wollen, schrieb er Gelberg empört. „Mir kommen die Kunst- und Literatur-Experimentierer immer so vor, als wollten sie eigentlich sagen: ‚Wir stehen natürlich nicht zu dem, was wir da machen. Mit uns persönlich hat das gar nichts zu tun. Es ist ganz unverbindlich. Wir probieren da mal was aus. Vielleicht kommt was dabei raus, vielleicht nicht. Wir wollen ganz objektiv sein, d. h. wir sind nicht verantwortlich für das, was da möglicherweise entsteht.‘“

    Er hätte sich ganz sicher nicht den heutigen Moralisten unterworfen. ;)

    Aus einem Interview von 1983:

  • Also, Du reisst ja eine ganze Reihe von Thematiken an...

    Ich mache mir darüber Gedanken, wo diese Änderungen anfangen und wo sie aufhören.

    Das waere vermutlich einfacher zu diskutieren wenn jemand eine scharfe Begruendung wann und warum etwas aenderungswuerdig ist bringen koennte.

    * Ein 'man redet heute nicht mehr so' trifft sicher zu - auf der anderen Seite telefoniert man auch nicht mehr wie Koenig Alfons mit der Strippe, verwendet keine Dampflokomotiven mehr und wird auch in aller Regel nicht mehr von Erbmonarchie beherrscht.

    Mit dem Argument kann man die Geschichte also komplett umschreiben, Praesident Alfons den viertel-vor-zwoelften mit seinem Smartphone auf Lummerland die naechste Wahl vorbereiten lassen waehrend Lukas seine Elektrolok durch den Windpark Lummerland lenkt.

    Man merkt schon - reductio ad absurdum - wenn man mal so anfaengt zu argumentieren nimmt es kein sinnvolles Ende...

    * Ein 'man muss Kindern gute Vorbilder geben' geht irgendwie am Wesen der Kinderbuecher vorbei die die tatsaechlich vorgelesen haben wollen/lesen. Verlangt bei uns wird grade mal wieder

    - das NEINHorn ('einfach mal gepflegt auf Fundamentalopposition stellen und zusammen bockig sein')
    - Mama Muh und die Kraehe (lebt davon dass immer eine was tut wovon die andere findet dass das gar nicht geht - trotzdem raufen sie sich zusammen)
    - und irgendwo ist da noch der Klassiker - Pippi Langstrumpf - wo auf das ganze 'das geht aber nicht' der Erwachsenenwelt froehlich gepfiffen wird

    Das sind alles Bucher die das 'sowas macht man aber nicht' ganz gepflegt zerfleddern - und trotzdem Freundschaften etc. feiern. Wenn man so will, auf den Unterschied zwischen der Simulation heiler Welt und dem wirklich wichtigen hinweisen.

    Wer schon mal Grimms Maerchen vorgelesen hat weiss vielleicht auch dass Kinder sehr wohl zwischen Buch und Realitaet unterscheiden - da wird ja froehlich gekoepft, Menschenfresser treiben ihr Unwesen, es wird vergiftet, zerstueckelt,... moegen die Kinder gerne hoeren.

    Bei der Gelegenheit kommt mir der 'Kaiser von China' in den Sinn der auch das Jim Knopf entfernt wurde - wir wussten natuerlich alle was da gemeint war, niemand dachte fuer eine Sekunde an das reale China, das war fuer uns Kinder das China aus den Maerchen wo zum Beispiel 'Des Kaisers Nachtigall' von Andersen spielt (diese Anspielung ist jetzt halt verloren, Mandala erkennt keiner wieder...

    * Ein 'das ist verletzende Sprache' scheitert irgendwie daran dass Geschichten moeglicherweise - oft - halt Spannungen und Konflikte im Plot haben - und Protagonisten die keine moralisch sauberen Menschen sind. Und wie soll man die darstellen - jemand der durch die Wohnung tigert und Diese Scheiss-menstruierende Person mit Migrationshintergrund hat es gewagt mir zu widersprechen! flucht ist doch eine Lachnummer, kein misogyner Rassist...

    Nur heile Welt als literarisches Thema ist halt etwas duenn...

    * gibt's noch andere Argumente die man zu hoeren bekommt?


    Generell finde ich es viel problematischer wenn existierende Buecher veraendert werden sollen als wenn ein Autor sich entscheidet windschnittig zu schreiben. Ersteres finde ich Geschichtsfaelschung, letzeres einfach schade.

    Massgeblich finde ich die Intention - und zwar die des Autors der nicht mit seinen Figuren identifiziert werden darf. Wer das Denken von Rassisten literarisch erfahrbar macht indem er rassistische Protagonisten fuer einen Konflikt der geschildert wird verwendet verwendet bestimmte Woerter um ein Problem zu thematisieren. Das ist schon anders als jemand der einen Text schreibt um eine Gruppe gewollt herabzusetzen, das erkennt man als Leser eigentlich schon. Dass Onkel Toms Huette kein gluehendes Loblied auf den Rassismus ist merkt man recht schnell.

  • Die Menschheit verwandelt sich in einen Haufen Smombies. Und schlimmer noch: Weil sie nicht mehr miteinander reden, geht die Fähigkeit der Debatte, der Diskussion und des Meinungsaustausches immer rasanter verloren.

    Im Moment wird auf sozialen Medien, wie Facebook, von Leuten, die ich mag, häufig geäußert, dass sie Leute Sperren, die nicht ihrer Meinung sind.

    Nicht nur das. Es wird auch dazu aufgefordert, dass man selbst ebenfalls alle "Bösen", die eine falsche Meinung haben oder ein falsches Wort geäußert haben, sperren soll.

    Wie soll unter solchen Umständen eine Diskussion zwischen Leuten mit unterschiedlichen Meinungen überhaupt möglich sein?

    Meine Mutter feierte letztes Jahr ihren 80. Geburtstag. Es gab ein Familientreffen. In unserer Familie existiert der große Graben, da sie sich in "die Guten" und "die Bösen" teilt, und darum galt die unausgesprochene Forderung, während der Feier keine gefährlichen Themen überhaupt nur anzusprechen. Die Diskussion verlief entsprechend ... oberflächlich. Irgendwie kam dann doch ein falsches Thema zur Sprache, als mein Bruder erwähnte, dass die Kinder von Politiker S. in der Schule regelmäßig verprügelt werden, was ja auch in Ordnung sei ... da sie ja auf der falschen Seite stehen. Daraufhin erklärte meine Tante, Verprügeln von Kindern fände sie generell nicht in Ordnung. Darüber entspann sich eine Diskussion, die jedoch kultiviert und untermauert durch Argumente geführt wurde. An deren Ende erschrak sich meine Tante und entschuldigte sich bei meiner Mutter, dass sie etwas lauter geworden sei und man hätte das Thema eigentlich überhaupt gar nicht ansprechen dürfen.

    Danach war wieder alles friedlich und die Welt wieder in Ordnung! Es wurden dann auch keine falschen Themen mehr angesprochen. Das Schweigen war so tief, dass auch keine rechte Harmonie aufkommen wollte und ich am Ende dachte ... mein Gott, wir waren mal eine ganz normale Familie und haben uns mal so gut miteinander gefühlt. Was ist aus uns geworden? Und du fragst, Der Wanderer warum die Menschen nicht mehr miteinander reden? Es ist tatsächlich meist besser zu schweigen.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince * No Way Out

  • Ich schlage einen pragmatischen Ansatz vor.

    Man beschafft sich einfach eine ältere, noch nicht auf Linie gebrachte Ausgabe . Antiquarisch ist fast alles zu bekommen.

    Ich habe eine Tom Sawyer-Ausgabe von 1989. Vom Aufbau-Verlag, noch DDR. In dieser Ausgabe ist Indianer-Joe noch Indianer-Joe und nicht "KIller-Joe", wie in der I-Wort-freien Version.

    Im Übrigen wurden Texte schon immer verfälscht und dem Zeitgeschmack angepasst. Pippi Langstrumpf soll in der Originalversion viel rebellischer und auch härter gewesen sein als in späteren Darstellungen. Ähnliches gilt für Gullivers Reisen von Swift.

    Selbst am Markus-Evangelium hat man herumgedoktert und ihm einen Schluss verpasst, den die ursprüngliche Fassung nicht kannte.

    Daher: In Antiquariaten stöbern und den neuen Kram einfach ignorieren.

    Einmal editiert, zuletzt von 20thcenturyman (7. März 2024 um 16:34) aus folgendem Grund: Korrektur

  • Daher: In Antiquariaten stöbern und den neuen Kram einfach ignorieren.

    Das löst das Problem nicht, dass eine Gruppe von Meinungsführern dem Rest der Gesellschaft vorschreibt was sein darf und was nicht. Zudem würden die "unangepassten" Bücher schnell aus den Büchereien verschwinden. Das ganze geht gesellschaftlich nicht in eine gute Richtung.

  • Nicht nur das. Es wird auch dazu aufgefordert, dass man selbst ebenfalls alle "Bösen", die eine falsche Meinung haben oder ein falsches Wort geäußert haben, sperren soll.

    Da ist irgendwie das Problem, oder?

    Meinungen werden halt nicht als solche identifiziert - man erkennt nicht an, dass der andere halt eine andere Meinung zu einem Thema haben kann zu dem man selbst auch nur eine Meinung hat, sondern tut so als waere man im Besitz absoluten Wissens.

    Der Ansatz 'was du da sagst kann man schon meinen, ist aber halt nicht meine Meinung' ist generell fruchtbarer.

    (Extremismus haben wir da noch nicht abgedeckt, aber die Idee 'erschiessen wir alle Fluechtlinge an der Grenze' ist auch schwerlich als sinnvolle Meinung zu interpretieren - also, die Dinge sollten sich schon in einem Rahmen bewegen der durch politisch vertretbare Ideen abgesteckt ist - steht in der Verfassung was geht und was nicht...)

  • Letztens gab es einen Artikel im Focus(?), in dem eine Auswanderin nach Deutschland zurückkehrte und bemängelte, das Land sei nach rechts gerückt. Wenn ich mir die Meinungsumfragen zum Wahlverhalten anschaue, zeigt sich ein völlig anderes Bild. Dank Frau Merkel, die die rechte Mitte nach links gezerrt hat. Egal, ist passiert. Gleichzeitig hat der Hamas-Überfall den linken Antisemitismus z.B. an Unis zutage gefördert, ganz zu schweigen von abgesagte Veranstaltungen, weil der Dozent/die Dozentin anderslautende Meinungen verbreiten wollte. Siehe Lucke in Hamburg oder Vollbrecht in Berlin. Gestern Abend war Katharina Stolla von der Grünen Jugend bei Lanz und auch diese Vereinigung ist, wie die Bildungseinrichtungen unseres Landes eine Kaderschmiede. Von den linkslastigen Redaktionen der Öffis und vielen Printmedien ganz zu schweigen.

    So, wie es heute ist, werden wir Deutschland in zehn Jahren nicht wiedererkennen.

  • Passt nicht so zum Threadthema, aber soll nicht ohne Antwort bleiben...

    Exkurs @Eegon2

    bemängelte, das Land sei nach rechts gerückt. Wenn ich mir die Meinungsumfragen zum Wahlverhalten anschaue, zeigt sich ein völlig anderes Bild.

    Wieso?

    Zur Zeit der grossen Koalition unter Merkel gab es theoretisch in Deutschland eine linke Mehrheit mit der Summe SPD, Linke und Gruene ueber 50% der Mandate. Liegt derzeit in weiter Ferne - die Linke ist zerlegt, die SPD froh wenn sie mancherorts noch 10% bekommt und auch die Gruenen sehr gerupft.

    Ein 'wir schaffen das' im Angesicht einer Million Fluechtlinge an den Aussengrenzen waere derzeit wohl politisch gar nicht zu machen. Kurzer Blick auf Politbarometer zeigt mir die erste Umfrage dass derzeit 62% der Befragten dafuer sind dass Europa mehr Waffen und Munition an die Ukraine liefert - nach klassischer linker Friedenspolitik wirkt das auch nicht.

    Linker Antisemitismus ist nichts so wahnsinnig neues - das wurde ueber Jahre schon von aufmerksamen Beobachtern thematisiert dass 'wokes' Denken Israel als verbrecherische Kolonialmacht sieht (und schon zu meinen Unitagen schmueckten sich die Asta-Linken gerne mit Palestinaensertuch).

    FFF hatte vor Corona noch erheblichens Mobilisierungspotential - dank Greta die diversifiziert und auch Weltpolitik macht und den klebefreudigen Aktivisten ist die Mehrheit nur noch genervt von dem Thema - was man auch am (handwerklich fatalen) Heizungsgesetz sehen kann.

    Deutschland war schon mal deutlich linker - so weit so normal, in Krisen vertraut man gerne auf die Konservativen Ideen.

  • Passt nicht so zum Threadthema, aber soll nicht ohne Antwort bleiben...

    Ich denke, wir sollten näher beim Threadthema bleiben, sonst ufert die Diskussion in alle möglichen Richtungen aus. Vielleicht möchtet ihr, Eegon2 und Thorsten, diesen Aspekt per PN besprechen. Es ist ja eine interessante Diskussion (auch für mich), sprengt allerdings etwas den Rahmen.:)


    In der Computerspieleszene schlägt es grade hohe Wellen, dass viele Firmen sich durch SweetBabyInc beraten lassen haben. Eine aktivistische Firma, die Computerspiele auf ihre "Korrektness" überprüft hat. Das wäre ja an sich ganz ok, allerdings hat diese Firma eine klare politische Agenda und hat ihre Klienten wohl auch unter Druck gesetzt.

    Droht uns so etwas für Literatur auch? Sensitivity Reading wird ja bereist angeboten.

  • Droht uns so etwas für Literatur auch?

    Ich denke.... nein, ich fürchte: Ja. Absolut realistische Vorschau. Es ängstigt mich. Weil man als Autor unweigerlich in eine unschöne Ecke gedrängt wird, wenn man nicht woke schreibt... was extrem kompliziert ist und noch komplizierter werden wird, da der woke-Begriff ja im Wandel ist und immer mehr und enger hineindefiniert wird. Es wird eine Zeit geben, da schon ein "Es regnete..." zum Ausschluß des Schreibers aus der Menschengemeide führen wird...

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
    -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Das löst das Problem nicht, dass eine Gruppe von Meinungsführern dem Rest der Gesellschaft vorschreibt was sein darf und was nicht. Zudem würden die "unangepassten" Bücher schnell aus den Büchereien verschwinden. Das ganze geht gesellschaftlich nicht in eine gute Richtung.

    Danke. Mal wieder besser formuliert, als ich das kann.

    Es reichen zwei Generationen Nachwuchs aus, um zu vergessen, daß es mal eine originale Fassung gab. Und um das zu wissen, muß man zwangsläufig älter sein als diejenigen, die irgendwann die abgeänderten Bücher lesen.

    Zur Erinnerung: Als die Nazis ihre Bücherverbrennungen abhielten, wuchsen sehr viele Kinder ohne die Kenntnis des Inhaltes der verbrannten Bücher auf.

    Palimpsest 1933

    Damit wurde jungen Menschen die Möglichkeit genommen, durch Literatur andere Auffassungen zu entwickeln. Wer damals 12 Jahre alt war, zog also mit 18 Jahren völlig einseitig "informiert" zwangsläufig mit "Hurra" - Geschrei in den Krieg.

    Die Umstände mögen andere sein, das Prinzip bleibt jedoch das gleiche.

    Klar kann ich Bücher verbrennen: Dann kann sie keiner mehr lesen. Ich kann Bücher aber auch inhaltlich so verändern, daß das, was der Autor einmal damit zum Ausdruck bringen wollte, nicht mehr der Absicht es Autor entspricht.

    Weil man als Autor unweigerlich in eine unschöne Ecke gedrängt wird, wenn man nicht woke schreibt...

    Wenn die "unschöne Ecke" diejenige ist, in der ich schreiben kann, was ich denke und meine, dann fühle ich mich in genau dieser Ecke ziemlich zuhause!

    Oh. "Wokeness".

    Auch so ein toller Blödsinn. Bevor sich das Wort einer ausgedacht hat, war ich's schon. Weil "Wachsamkeit" Aufmerksamkeit bedeutet... und die hat man entweder, oder man hat sie nicht.

    Sowas muß mir weder einer sagen noch ständig vorhalten.

    Nuff said.

  • Zur Erinnerung: Als die Nazis ihre Bücherverbrennungen abhielten, wuchsen sehr viele Kinder ohne die Kenntnis des Inhaltes der verbrannten Bücher auf.

    Ich wuerde doch bitten die Kirche im Dorf zu lassen:)

    Statt die Nazis als geistiges Vorbild zu bemuehen oder den Ausschluss aus der Menschengemeinde zu vermuten (ja, ich weiss dass das ueberspitzt war) kann man ja mal versuchen sich der Sache etwas nuechterner zu naehern.

    Es gibt Hardcore-Wokies die anscheinend an magische Woerter glauben die intrinsisch boese sind. Es gibt aber vielleicht auch Leute die ein Anliegen haben - naemlich irgendwie die Belange von Minderheiten - und das halt auf diese Weise versuchen.

    Ich bin mit dem Anliegen an sich meistens schon einverstanden - ich sehe nur den Weg dazu kritisch - und auf die Weise kommt man vielleicht auch eher ins Gespraech statt dass jeder sich in seiner Position eingraebt und den anderen mit den Nazis vergleicht.

  • Ich habe dazu auch eine Meinung die wahrscheinlich eher ungerne gehört wird. Wörter wie Negger, Tunte, Kanacke, Zigeuner, Spastiker, Krüppel und Ähnliche sind aus gutem Grund aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden und sollten außerhalb von ihrem historischen Kontext nicht mehr genutzt werden.

    Wenn ein Verlang, der die Rechte an einem Buch hat, die Neuveröffentlichungen lieber andere Wörter benutzen will respektiere ich das, solange das Original erhalten bleibt. Privatleute und deren Entscheidungen für oder gegen ein Buch haben mit Zensur nichts zu tun, sondern sind auch Ausdruck einer schützenswerten Meinung.

  • Ich habe dazu auch eine Meinung die wahrscheinlich eher ungerne gehört wird. Wörter wie Negger, Tunte, Kanacke, Zigeuner, Spastiker, Krüppel und Ähnliche sind aus gutem Grund aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden und sollten außerhalb von ihrem historischen Kontext nicht mehr genutzt werden.

    Deine Meinung kann ich bei jedem der genannten Wort nachvollziehen, jedoch sind wir dann bei eine Lister von "unerwünschten Wörtern", da hab ich dann schon wieder Bauchschmerzen. Wer macht dann solche Listen?

    Wenn ein Verlang, der die Rechte an einem Buch hat, die Neuveröffentlichungen lieber andere Wörter benutzen will respektiere ich das, solange das Original erhalten bleibt.

    Im allgemeinen erhält der Verlag nur das Recht zur Veröffentlichung, das Urheberrecht bleibt beim Autor. Und wenn wir deinen Gedanken weiter denken. Wenn ich einen Roman zu einem Verlag schicke und der nimmt ihn an, dann wäre ich schon leicht verwundert, wenn er meinen Text unabgesprochen abändert.

  • Ich habe dazu auch eine Meinung die wahrscheinlich eher ungerne gehört wird.

    Wieso ungerne? Eher interessiert - wie oben angedeutet sehe ich den Teufel in den Details. Ich interessiere mich daher fuer Deine Position zu den folgenden Fragen genauer:

    . Wörter wie Negger, Tunte, Kanacke, Zigeuner, Spastiker, Krüppel und Ähnliche sind aus gutem Grund aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden und sollten außerhalb von ihrem historischen Kontext nicht mehr genutzt werden.

    Naja - was ist mit der literarischen Darstellung eines Rassisten/... ? Wie soll die denn stattfinden wenn der nicht redet/denkt wie ein Rassist?

    Wenn ein Verlang, der die Rechte an einem Buch hat, die Neuveröffentlichungen lieber andere Wörter benutzen will respektiere ich das, solange das Original erhalten bleibt.

    Sorry - in welcher Form bleibt das Original erhalten? Reicht es wenn der Verlag das Manuskript noch irgendwo im Archiv aufbewahrt um dann umzuschreiben wie's beliebt? Wo hoert das auf - wann ziehst Du die Grenze und sagst 'jetzt ist aber gut?'

    Bei Jim Knopf koennte man ja mit einigem Recht bemaengeln dass Erbmonarchien herrschen statt dass ein freiheitlicher Rechtsstaat als Ideal geschildert wird - ist das auch okay zu aendern oder nicht? Darf Jim weiter rauchen oder nicht?

  • Oh. "Wokeness".

    Auch so ein toller Blödsinn. Bevor sich das Wort einer ausgedacht hat,

    Ich sehe hier das Problem wie bei vielen Worten, die ursprünglich in einer Fremdsprache irgendwas bedeuten, im deutschsprachigen Raum aber für etwas (manchmal völlig) anderes steht.

    "woke" so wie ich es auffasse, bedeutet: "die aktuellen Bedenklichkeiten einbeziehen", "mögliche Intressengruppen jedweder Art nicht verärgern", "vorsorglich schon mal gegensteuern", "Leuten Meinungen unterstellen, die sie nie geäußert haben"...

    Insofern warst du, Der Wanderer wohl eher nicht woke (hoff ich doch!).


    Statt die Nazis als geistiges Vorbild zu bemuehen ... kann man ja mal versuchen sich der Sache etwas nuechterner zu naehern.

    Nüchtern betrachtet IST es dasselbe. Es wird nur nicht so dramatisch inszeniert wie die Bücherverbrennung damals. Diesesmal geht man leiser vor, man hat ja doch gelernt aus der Geschichte.

    Im Endeffekt soll beides, die Feuer damals und die "unauffälligen" Textkorrekturen genau eines erreichen. Den aktuellen Lesern nur das zukommen zu lassen, was man grade political-correct und woke für am günstigsten hält. Und günstig erscheint hier (wie damals), Menschen zu erziehen, die nur vorsortierte Informationen bekommen...

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

    Einmal editiert, zuletzt von Chaos Rising (9. März 2024 um 12:58) aus folgendem Grund: Ein Beitrag von Cory Thain mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • Und günstig erscheint hier (wie damals), Menschen zu erziehen, die nur vorsortierte Informationen bekommen...

    Ich glaube nicht dass der Informationswert von 'Nigger' oder 'Kanacke' besonders hoch ist und die Vorsortierung dieser 'Information' brave, angepasste Menschen aus irgendwem macht.

    Mir scheint es durchaus einleuchtend dass die Verwendung eines bestimmten Wortschatzes von manchen als verletzend empfunden wird (ist das strittig?) und dass deshalb die Idee diese Verletzungen durch Verschwindenlassen der Woerter zu vermeiden erstmal nicht total abwegig ist. Daher wuerde ich das - statt Deiner Idee der Umerziehung - als das Wesen der Korrekturen sehen.

    Und das waere dann halt nicht das Gleiche.

    Ich glaube nur nicht dass das so sinnvoll ist - einmal muss Literatur ja auch weh tun und verletzen koennen um manche Probleme und Spannungen erlebbar zu machen und zu thematisieren. Und dann ist es halt magisches Denken durch Vermeidung bestimmter Woerter eine bessere Welt zu bekommen - letztlich eine Alibiveranstaltung die keinen Rassisten zu einem besseren Menschen machen wird.

  • "Betreutes Denken" eben.

    Aufgrund der Vielfältigkeit der Medien höhlt der stete Tropfen den Stein. Auch, wenn die "ältere Generation" sich immer wieder hinstellt und (wie hier von einigen zu lesen) sagt: "Nö, mach ich nicht mit!", ändert das nichts an der schleichenden Entwicklung. Mein obiges Posting hat sehr wohl mit damit zu tun, denn Frau Stolla und Herr Türmer haben sich nicht selbst in ihre Positionen bestimmt - sie wurden von den Mitgliedern ihrer Nachwuchs-Organisationen gewählt. D.h. diese Mitglieder stimmen mit deren Meinungen, Ansichten und Forderungen im Großen und Ganzen überein.

    Einfaches Beispiel: In der ARD-Audiothek ist mir bislang KEIN einziger Podcast untergekommen, in dem NICHT gegendert wird. Und deren Produzenten sind zumeist jüngere, und oft auch studierte Leute.

    Nächstes Beispiel: Mein Arbeitskollege, 51 hat zwei Kinder. Aus seiner Jugend hat er eine Sammlung "Der kleine Vampir"-Bücher, die er letztens beschloss, dem Nachwuchs vorzulesen. Schon nach kurzer Zeit wurde es ihm, aufgrund des Inhalts u./o. der Begrifflichkeiten unangenehm - und die Bücher wanderten allesamt in die blaue Tonne. Und das sehe ich noch als harmlosen Fall an.

    Was letztendlich bleibt, ist die individuelle Entscheidung, sei es, "solche" Bücher sich im Antiquariat zu besorgen oder aber diese Entwicklung hinzunehmen. Im ersten Fall, einen Diskurs darüber mit Andersdenkenden einzugehen, führt, jetzt noch leise, in Zukunft aber sicher, ins Abseits. Eine Auseinandersetzung mit Dingen, "die nicht sein können, weil sich nicht sein dürfen" wird niemandem auf der argumentativen Ebene gelingen, wenn die andere Seite ausschließlich moralisch urteilt. Und das als Endgültigkeit ansieht. Der normale Menschenverstand ist schon lange nicht mehr gefragt ...