Asnis Kurzgeschichtensammlung

Es gibt 35 Antworten in diesem Thema, welches 11.540 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (13. April 2020 um 11:12) ist von Voluptuous Mayday.

  • Die Idee zu folgender Geschichte kam mir gestern beim Einschlafen. Das ist jetzt die erste Version davon. Ich freue mich über alle Kommentare, Kritiken, Anmerkungen, Wünsche etc. pp. ^^
    Kurze technische Frage vorab: BBCode kann man nicht für verschiedene Teile an- bzw. abschalten, oder? Falls also Leerzeichen fehlen, wahrscheinlich liegt's am Reinkopieren. Für alle anderen Fehler und Unstimmigkeiten bin ich aber selbst verantwortlich. Viel Spaß beim Lesen! ^^


    Verdammte Axt

    „Verdammte Axt,“ murmelte der Henker.
    „He! Was soll das? Ich diene dir treu seit… schon lange jedenfalls!“, erwiderte die Axt erzürnt.
    Der Henker musste zugeben, dass die Scharfrichteraxt schon etwas Besonderes war. Ganz offensichtlich sah sie toll aus, obwohl sie sehr schlicht war. Aber irgendetwas an ihr, vielleicht ihre einfache Ebenmäßigkeit oder der glatte, schnörkellose Stahl, wirkte einfach wie ein Kunstwerk. Zum Zweiten mochte er die Axt. Nein, mochte war zu viel gesagt. Er hatte sich an sie gewöhnt und sie war ihm in den letzten – Wie lange war es nun schon her, dass er zum Henker der Stadt ernannt worden war? - Jahren vertraut geworden. Es war ein bisschen wie eine Ehe, nicht unbedingt freiwillig, nicht unbedingt mit glühendem Eifer geschlossen, aber ein Bund für die Ewigkeit. Zugegeben, in einer Ehe machte man mehr gemeinsam als nur Köpfe oder andere Gliedmaßen von anderen Leuten abzuhacken. Aber ein bisschen ähnlich war es schon.
    Drittens wohnte in der Axt ein böser Geist, der zu ihm sprach. Wiederum korrigierte sich der Henker in Gedanken. Es war nicht wirklich ein böser Geist, eher ein möchtegern böser Geist, der aber nach jedem Gerichtsakt Schuldgefühle hatte, obwohl er nur das Werkzeug war. Das durfte man ihm – vielleicht war es auch ein weiblicher Geist, der Henker war sich da noch nicht so sicher – aber nicht sagen, weil er sich sonst unfassbar aufregte.
    „Jetzt hör auf zu grübeln und nimm mich endlich! Schließlich haben wir nicht den ganzen Tag Zeit. Und die Kundschaft wartet!“, polterte die Axt.
    „Du hast Recht, es ist Zeit.“ Der Henker war heute in einer nachdenklichen Stimmung. Besonders fröhlich ging er ja nie zur Arbeit, aber an diesem Morgen sinnierte er ein wenig über den Sinn des Lebens im Allgemeinen und über den Sinn seines Lebens im Besonderen. Vielleicht hätte er auf seine Mutter hören und die Felder bestellen sollen, anstatt sich der Armee anzuschließen. Zumindest hätte er sich nicht für jede besondere Aufgabe freiwillig melden sollen. Er war zu schnell zum Henker geworden. Anfangs hatte er noch gedacht, dass er damit die Karriereleiter leichter nach oben kam. Aber als Henker verlor man seine Ehre, sein Ansehen, seinen Namen, sein Gesicht. Alles, was von ihm geblieben war, waren seine Erinnerungen. Jetzt war er nur noch eine lederne Maske, ein namenloser Schrecken, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Er war der Henker.
    Mit einem traurigen Seufzen nahm er die Axt von ihrer Aufhängung an der Wand.
    „Ha, ha, jetzt geht es endlich wieder los!“, rief sie erfreut. Der Henker nickte stumm.
    Mit der Linken nahm er sich die Maske vom Tisch und streifte sie über. Früher hatte er beide Hände gebraucht, aber nun glitt sein Kopf schnell und einfach hinein und es fühlte sich so an, als sei die Maske ein Teil seines Körpers. Mehr noch, erst jetzt fühlte er sich ganz er selbst. Ohne die Axt und die Maske war er nur ein Mann, den andere verachteten. Aber trug er beides, dann war er der Henker. Dann war er er selbst.
    Alle Trübsinnigkeiten, alles Sinnieren und alle Zweifel fielen vom Henker ab, als durch die Türe seiner kleinen Kammer trat und sich auf den Weg zum Schafott machte.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Ein netter Ehestreit :D .
    Ich finde Deinen Shorty gut gelungen und sehr originell. Vor allem, dass Du im Dunkeln lässt, ob die Axt tatsächlich beseelt ist oder der Leser nur einen Einblick in die gespaltene Persönlichkeit des Typen bekommt.
    In ersten Drittel wurde ich des Öfteren aus dem Fluss geworfen - immer wenn Du einen Satz in den Satz dazwischenschiebst. Ein besonders übles Beispiel:

    Das durfte man ihm – vielleicht war es auch ein weiblicher Geist, der Henker war sich da noch nicht so sicher – aber nicht sagen, weil er sich sonst unfassbar aufregte.

    Ich glaub, es wird etwas eleganter, wenn Du daraus zwei Sätze machtest. Etwa: Das durfte man ihm aber nicht sagen, weil er sich sonst unfassbar aufregte. Oder ihr, denn vielleicht war es auch ein weiblicher Geist, der Henker war sich da noch nicht so sicher.
    Ist natürlich nur mein persönlicher Geschmack ... weiß ja nicht, ob Du das nicht als ein Stilmittel genau so beabsichtigtest, denn auf Dauer wirken diese Trennungen tatsächlich wie Axthiebe :) .
    In dem unteren Teil hast Du jedenfalls darauf verzichtet und er liest sich angenehm flüssig.
    Sehr schön fand ich auch die Reflexionen des Henkers über seine verkorkste Karriere; was er tat und was er dafür erhielt. Kein Wunder, dass er beginnt mit seiner Axt zu reden.

    Adler erheben sich in die Lüfte
    aber Wiesel werden nicht in Flugzeugturbinen gesogen

    Einmal editiert, zuletzt von Formorian (18. Juli 2017 um 09:21)

  • Danke für deinen Kommentar, @Formorian! Und auch für das Lob ^^

    Vor allem, dass Du im Dunkeln lässt, ob die Axt tatsächlich beseelt ist oder der Leser nur einen Einblick in die gespaltene Persönlichkeit des Typen bekommt.

    Oh... das war unbeabsichtigt :D Aber eigentlich eine gute Idee! Danke!

    In ersten Drittel wurde ich des Öfteren aus dem Fluss geworfen - immer wenn Du einen Satz in den Satz dazwischenschiebst.

    Ja, das verstehe ich. Lustigerweise finde ich bei meinem Chef das furchtbar, wenn es solche Gedanken so zwischen rein schiebt. Anscheinend färbt das ab :panik:

    Ist natürlich nur mein persönlicher Geschmack ... weiß ja nicht, ob Du das nicht als ein Stilmittel genau so beabsichtigtest, denn auf Dauer wirken diese Trennungen tatsächlich wie Axthiebe

    :hmm: auch eine interessante Idee... etwas mehr konkrete Poesie (wenn das so heißt).

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Es war ein bisschen wie eine Ehe, nicht unbedingt freiwillig, nicht unbedingt mit glühendem Eifer geschlossen, aber ein Bund für die Ewigkeit

    Nette Einstellung :P
    Andererseits ist es vielleicht nicht schlecht, dass er das so sieht. Immerhin hat er als Henker wahrscheinlich keine großen Chancen auf eine Frau XD

    Es war nicht wirklich ein böser Geist, eher ein möchtegern böser Geist, der aber nach jedem Gerichtsakt Schuldgefühle hatte, obwohl er nur das Werkzeug war.

    Witzig. Erinnert mich ein bisschen an der zweischneidige Schwert aus Rumo.
    In der einen Seite wohnt ein böser Dämon, in der anderen ebenfalls ein (naiver, süßer, lustiger) Geist, der gerne bedrohlich wäre und sich deshalb Löwenzahn nennt. (Natürlich nach dem Zahn eines Löwen und nicht nach der Blume *hust*)

    aber an diesem Morgen sinnierte er ein wenig über den Sinn des Lebens im Allgemeinen und über den Sinn seines Lebens im Besonderen.

    Die Formulierung gefällt mir besonders gut :)
    Weiß auch nicht warum, aber "im Allgemeinen" und dann "im Besonderen". Liest sich flüssig und ist eindeutig und ... ich mag sie und werde sie mir merken XD

    Er war zu schnell zum Henker geworden. Anfangs hatte er noch gedacht, dass er damit die Karriereleiter leichter nach oben kam. Aber als Henker verlor man seine Ehre, sein Ansehen, seinen Namen, sein Gesicht.

    :hmm: Im Mittelalter war doch generell bekannt, dass Henker jetzt nicht soooooo beliebt sind. Entweder hatten sie, wo er her kam, keinen Henker oder er war doch irgendwie naiv.

    Ohne die Axt und die Maske war er nur ein Mann, den andere verachteten. Aber trug er beides, dann war er der Henker. Dann war er er selbst.

    Das Ende gefällt mir auch gut :thumbsup:
    Dieses Widersprüchliche. Dass er eigentlich nur verachtet wird und natürlich wird niemand gern verachtet. Eigentlich bereut er ja sogar Henker geworden zu sein und dennoch ist er nur mit Maske und Axt er selbst. Welch arme Seele ... XD

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Im Mittelalter war doch generell bekannt, dass Henker jetzt nicht soooooo beliebt sind

    Henker rekrutierten sich normalerweise aus dem untersten Bodensatz menschlichen Abschaums. Oft waren es selbst Verurteilte, denen man so eine gewisse Rehabilitation bot. Aber natürlich blieben sie Pariah, durften sich nicht länger als nötig unter ehrbaren Bürgern aufhalten und waren sogar vom Kirchbesuch ausgeschlossen. Selbst Huren mochten sich oft nicht mit ihnen abgeben.
    Ich finde, @Asni bringt die Frustration des Kerls wirklich gut rüber.

    Adler erheben sich in die Lüfte
    aber Wiesel werden nicht in Flugzeugturbinen gesogen

  • Ich finde, @Asni bringt die Frustration des Kerls wirklich gut rüber.

    ich wollte damit auch nicht sagen, dass Asni die Frustration nicht rüberbringt.
    ich wollte damit sagen, dass es eben nicht so klingt, als sei er aus dem untersten Bodensatz. Schließlich war er Soldat und in der Armee ...
    Klingt eher so, als sei er mal ehrbar gewesen und hätte nur dummerweise beschlossen Henker zu werden, obwohl - eben allgemein bekannt ist - dass das jetzt nicht so clever ist XD

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Immerhin hat er als Henker wahrscheinlich keine großen Chancen auf eine Frau XD

    Henkerskinder heirateten oft untereinander (also nicht die Kinder eines Paares, sondern zweier Paare des gleichen Berufstandes), hatten doch auch Henkerstöchter sonst nicht viele Optionen. Und die Söhne wurden dann natürlich selber wieder Henker.

  • Danke @Miri und @Formorian für eure Kommentare und euer Lob! Donnerwetter. Ich bin ehrlich erstaunt, was ihr alles in dem Text findet, was ich überhaupt nicht überlegt hatte, als ich das heute morgen geschrieben habe.

    Bzgl. Henker und Ansehen: Irgendwie hab ich da ein bisschen an Ser Ilyn Payne aus GoT gedacht und der ist zumindest ein Ritter. Ein bisschen habe ich auch daran gedacht, dass eine Armee evtl. auch einen Henker braucht, der bestimmte Disziplinarstrafen ausführt. Wobei ich da jetzt überhaupt keine Ahnung habe, wie das im Mittelalter geregelt war. Und dann war da noch der Gedanke des eifrigen Aufsteigers, der alles tut, was man ihm sagt, ohne lange darüber nachzudenken, der dann letztlich auf einer Position des (initiativlosen) Gehilfen hängen bleibt, so wie mein Henker eben auch.

    Mich stört immer noch ein bisschen, dass ich keinen Namen für den Henker habe. Aber vielleicht ist das nicht so schlimm, weil er ja nur er selbst ist, wenn er der Henker ist. ^^

    Das Ende gefällt mir auch gut

    Danke! Ich bin mit dem letzten Satz noch nicht zufrieden. Die Doppelung "er er" gefällt mir nicht so richtig.

    Im Mittelalter war doch generell bekannt, dass Henker jetzt nicht soooooo beliebt sind. Entweder hatten sie, wo er her kam, keinen Henker oder er war doch irgendwie naiv.

    Darüber habe ich nicht wirklich nachgedacht. Aber ein bisschen Naivität kann der Bursche schon vertragen :)

    Meine Hauptintention bei der Geschichte war eigentlich der Dialog eines Henkers mit seiner von einem "tatsächlichen" Geist / Dämon beseelten Axt. Dieses Gespräch habe ich mir beim Einschlafen überlegt und wollte es dann heute morgen aufschreiben. Ich denke, in dieser Hinsicht bin ich gründlich gescheitert, der Dialog ist ja nur minimal vorhanden ^^ . Aber das Ergebnis ist aus einer anderen Perspektive doch gar nicht so schlecht.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Auch mir gefällt dieser kurze Text. Er hat mich zum Schmunzeln gebracht, gerade des Henkers Gedanken über seine beseelte Axt und der möchte gern Bosheit gefiel mir sehr.
    Ich fand die eingeschoben Gedankensprünge am Anfang nicht weiter schlimm. Insofern unterstreichen sie für mich ein wenig die "Zerstreutheit" des Henkers. Oder besser gesagt sein Hin- und Hergerissen sein.
    Das Ende gefiel mir auch besonders. Einem Leid tun kann der Henker schon, weil er sich trotz allem nur ganz zu fühlen scheint, wenn er Maske und Axt bei sich trägt. :)

  • Gefällt mir, kurz und knackig. :D
    Die namenslose Anonymität finde ich da auch sehr passend.

    Die Maske irritiert mich etwas, war nicht die Idee dahinter, das er eben nicht erkannt wird und sonst einem normalen Tagwerk nachgehen konnte?
    Aber äh, Details, mehr im Waffenthread, in sich ist die Story auf jeden Fall schlüssig. ;)

    Falken haben doofe Ohren

  • Eine titellose Geschichte über einen Henker

    WELVIS hatte seine Rüstung abgelegt. Schnelligkeit bedeutete ihm mehr als der zweifelhafte Schutz, den die uralte Rüstung bot. Sieben lange Jahre hatte er sie getragen. Jetzt fühlte er sich leicht, unbeschwert. Aber auch verletzlich und weich. Nachdenklich blickte er seinen Helm an. Es war mehr eine Maske als ein Helm, mit kalter Miene, die Gerechtigkeit symbolisieren sollte. Letztlich war Welvis nur ein Henker. Im Namen der Gerechtigkeit richtete er Unschuldige hin. Den Herren, denen er diente, war es egal, wie viele Menschen über die Klinge sprangen. Ihnen war nur wichtig, dass das Volk ihnen gehorchte. Dafür hatte Welvis zu sorgen. Bis jetzt. Bis hierher, bis nach Billis, einem unbedeutenden Dorf an der Grenze, war er mit ihnen gegangen, hatte vor seinen Herren einen blutigen Pfad frei gehauen. Doch hier endete es. Ab sofort würde er seinen eigenen Weg gehen. Nach Osten. Über die Brücke, die irgendwo am Ende der Straße im Nebel verborgen lag.
    Welvis wusste nur zu gut, dass die Wachleute auf beiden Seiten den Befehl hatten, niemanden hinüber zu lassen. Sollten sie ruhig versuchen ihn aufzuhalten. Er ließ den Helm ins nasse Moos fallen und stand auf. Es war alles sinnloser Ballast. Alles bis auf sein Schwert. Er hatte es selbst geschmiedet und würde es nirgends zurücklassen.
    Langsam, geschmeidig wie eine Katze schlich er durch den Nebel. Sein ganzer Körper war gespannt. Auf jedes noch so unscheinbare Geräusch gab er acht. Doch im Nebel klang alles dumpf, verwaschen, unscharf. Ein leises Knarren. Welvis legte den Kopf schief. War es ein Fensterladen im Wind? Oder die Planke der Brücke unter den Stiefeln einer Wache? Stammte es gar von der Armbrust eines Wächters, der grinsend darauf wartete, ihn niederzustrecken? Der Gedanke ließ Welvis unruhig den Kopf einziehen. Nach ein paar weiteren Schritten schalt er sich in Gedanken einen Idioten. Kein Mensch konnte in diesem Nebel auch nur weiter als fünf Schritt sehen. Und er sah in fünf Schritt Entfernung nichts anderes als graue Suppe, also konnte ihn der andere auch nicht sehen.
    Welvis ging ein paar Schritte weiter, bevor er innehielt. Eigentlich brauchte er keine Angst zu haben. Wenn sie ihn entdeckten und zurückschickten, hatte er nichts verloren. Und wenn sie ihn nicht entdeckten, was ihm bei diesem Nebel gar nicht unwahrscheinlich schien, dann hatte er alles gewonnen. Trotzdem blieb eine gute Portion Nervosität. Er zwang sich weiterzugehen.
    Wieder hörte er das Knarren. Diesmal sogar lauter als zuvor. Welvis späte in den Nebel, hoffte etwas erkennen zu können. Dort schien der Nebel etwas heller zu sein. Er ging darauf zu. Langsam schälten sich die Umrisse einer kleinen Wachhütte heraus. Das Holz sah noch ziemlich frisch aus, trotzdem war die Hütte schon so schief, als hätten sie die letzten hundert Winter beinahe umgedrückt. Neben einer noch schieferen Tür stand eine Bank und darauf lag etwas, das wie ein praller Sack Mehl aussah. Welvis wollte schon wieder in den Nebel zurückweichen und die Hütte ein paar Schritt weiter umgehen, als er noch einmal genauer hinsah. Und hinhörte. Das Knarren kam aus dem Mehlsack. Welvis lächelte. Sieh an, sieh an. Die wichtigste Brücke zwischen Ost und West wird von einem schnarchenden Mehlsack bewacht. Er schüttelte den Kopf, richtete sich auf und ging ohne Hast am Wachhäuschen vorbei. Zehn Schritte später war er auf der Brücke. Über dem Fluss war es kälter. Fröstelnd beeilte sich Welvis. Wenn er auf der anderen Seite auch so viel Glück mit der Wache hatte, dann wäre das die einfachste Flucht aller Zeiten gewesen.


    SIE holten Mattes kurz nach dem Morgengrauen. Zwei Folterknechte in dunklen Gewändern, Kettenhemden und schwarzen Masken. Ihr Griff war so hart wie die Ketten an seinen Füßen. Sie zerrten ihn unerbittlich durch die engen, dunklen Gänge, eine Treppe hinauf, durch etliche Türen und Fluren und schließlich durch ein großes Portal.
    Das erste was Mattes sah, war der Henker, der regungslos auf dem Schafott auf ihn wartete. Für einen Augenblick hoffte Mattes, dass es nur eine Statue war. Aber er wusste es besser. Henker waren mehr Maschinen als Menschen. Nur Stahl, Knochen, Muskeln und ein unbeirrbarer Wille, ihren Herren zu dienen. Die Rüstung war makellos. Stählerne Schulterpanzer ragten zu beiden Seiten weit hinaus. Sie symbolisierten die Flügel der Engel. Sie gleichen eher den Schnäbeln der Krähen, die sich an meinem Leib laben werden, dachte Mattes bitter. Die goldene Gesichtsmaske reflektierte die Sonne und umgab den Kopf des Henkers mit einer hellen Korona. Göttliche Gerechtigkeit. Schreiende Ungerechtigkeit traf es wohl besser. Er hatte nichts Unrechtes getan. Es war Notwehr gewesen. Aber gegen die Herren von Ruschwitz kam ein einfacher Knecht nicht an. Sie hatten ihn gejagt, gefangen und verurteilt. Wieder überfiel ihn eine Welle schwarzer Hoffnungslosigkeit. Er würde alles tun, um sein Schicksal noch einmal wenden zu können. Aber Engel kannten keine Gnade. Ihr Gesetz war eisern. Und ewig.
    Die Folterknechte führten Mattes über den Hof. Es hatten sich kaum Schaulustige eingefunden. Vielleicht eine Handvoll. Mattes ließ sich bis zum Fuße des Schafotts führen ohne Widerstand zu leisten. Doch am Fuße der Treppe warf er sich plötzlich nach links gegen den Wächter. Für einen Augenblick verloren die Männer ihn aus ihrem Griff und Mattes konnte am Schafott vorbei einige hastige Schritte tun. Dann krachte etwas auf seinen Schädel und er ging zu Boden. Benommen blieb er liegen. Auf seiner Zunge schmeckte er Blut. Weit war er nicht gekommen. Aber du hast es versucht. Das war alles was zählte. Man musste versuchen was man konnte, selbst wenn es aussichtslos erschien. Man konnte nie wissen, ob sich doch noch eine Tür auftat, durch die man ungesehen verschwinden konnte.
    Die Wächter packten ihn fluchend unter den Armen und schleiften ihn zurück zum Schafott. Als sie ihn die Treppe hoch trugen schlugen seine Schienbeine schmerzhaft gegen das raue Holz. Stöhnend hob er den Kopf. Das goldene Gesicht des Henkers sah ihn reglos an. Es ist eine verdammte Maske, erinnerte sich Mattes. Mit aller Verachtung, die er in sich trug, spuckte er ihm Blut entgegen. Wenigstens wird er mich nicht makellos... Ein weitere Schlag auf seinen Hinterkopf löschte den Gedanken aus. Mattes' Sinne schwanden kurz. Als er wieder zu sich kam, kniete er. Die beiden Folterknechte hielten ihn an den Armen fest. Sein Hals lag auf kaltem Stein. So endet es nun auf dem Schafott. Mattes versuchte die Augen zu verdrehen, um den Henker zu sehen. Doch es war vergeblich. Er atmete ein und aus und ein und aus, wartete auf den Schlag, wartete darauf, dass es endlich zu ende war, atmete ein, aus, ein, aus. Sein Magen verkrampfte sich, sein Herz raste. Es dröhnte und rauschte in seinen Ohren. Sein Hinterkopf pulsierte in dumpfem Schmerz. Noch einmal nahm er alle Kraft zusammen und warf sich gegen den Griff seiner Peiniger. Er stöhnte und knurrte wie ein Wolf. Dann zuckte kurz ein Schmerz in seinem Nacken und es war vorbei.

    WELVIS hob sein Schwert, drehte die Spitze nach unten und ließ das Blut herabtropfen. Der Knecht, den er gerade hingerichtet hatte, war ein hübscher Kerl gewesen. Soweit er das beurteilen konnte. Zumindest fand er das Gesicht nicht unansehnlich. Schade irgendwie. Andererseits... Menschen gibt es genug.


    Spoiler anzeigen


    Anmerkungen:

    • Die Geschichte ist etwa 4-5 Jahre alt.
    • Die zeitliche Reihenfolge der zwei Teile stimmt nicht mit der Erzählreihenfolge überein.
    • Ich bin mir mittlerweile bewusste, dass die Beschreibung der Hinrichtung historisch gesehen wahrscheinlich falsch ist. Danke @Alcarinque, @Windweber und @Formorian für die erhellende Diskussion :)
    • Inspiration für den Charakter Welvis kommt von einer Table-Top-Figur, für Mattes aus einem Lied von Cultus Ferrox.
    • In der Welt, in der diese Geschichte spielt, spielen mittlerweile eigentlich fast alle meine Geschichten.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

    Einmal editiert, zuletzt von Asni (21. Juli 2017 um 15:26)

  • Hier findet ihr eine etwas überarbeitete Version. Aus irgendeinem Grund hatte ich die aus Versehen doppelt gepostet :whistling: Sorry dafür und herzlichen Dank an unser Mod-Team für's Verschieben. ^^

    Verdammte Axt

    „Verdammte Axt,“ murmelte der Henker.
    „He! Was soll das? Ich diene dir treu seit… schon lange jedenfalls!“, erwiderte die Axt.
    Der Henker musste zugeben, dass die Scharfrichteraxt schon etwas Besonderes war. Ganz offensichtlich sah sie toll aus, obwohl sie so schlicht war. Aber irgendetwas an ihr, vielleicht ihre einfache Ebenmäßigkeit oder der glatte, schnörkellose Stahl, machte sie zu einem Kunstwerk. Zum Zweiten mochte er die Axt. Nein, mochte war zu viel gesagt. Er hatte sich an sie gewöhnt und sie war ihm in den letzten – Wie lange war es nun schon her, dass er zum Henker der Stadt ernannt worden war? - Jahren vertraut geworden. Es war ein bisschen wie eine Ehe, nicht unbedingt freiwillig, nicht unbedingt mit glühendem Eifer geschlossen, aber ein Bund für die Ewigkeit. Zugegeben, in einer Ehe machte man mehr gemeinsam als nur Köpfe oder andere Gliedmaßen von anderen Leuten abzuhacken. Aber ein bisschen ähnlich war es schon.
    Drittens wohnte in der Axt ein böser Geist, der zu ihm sprach. Wiederum korrigierte sich der Henker in Gedanken. Es war nicht wirklich ein böser Geist, eher ein möchtegern böser Geist, der aber nach jedem Gerichtsakt Schuldgefühle hatte, obwohl er nur das Werkzeug war. Das durfte man ihm – vielleicht war es auch ein weiblicher Geist, der Henker war sich da noch nicht so sicher – aber nicht sagen, weil er sich sonst unfassbar aufregte.
    „Jetzt hör auf zu grübeln und nimm mich endlich! Schließlich haben wir nicht den ganzen Tag Zeit. Und die Kundschaft wartet!“, polterte die Axt.
    „Du hast Recht, es ist Zeit.“ Der Henker war heute in einer nachdenklichen Stimmung. Besonders fröhlich ging er ja nie zur Arbeit, aber an diesem Morgen sinnierte er ein wenig über den Sinn des Lebens im Allgemeinen und über den Sinn seines Lebens im Besonderen. Vielleicht hätte er auf seine Mutter hören und die Felder bestellen sollen, anstatt sich der Armee anzuschließen. Zumindest hätte er sich nicht für jede besondere Aufgabe freiwillig melden sollen. Er war zu schnell zum Henker geworden. Anfangs hatte er noch gedacht, dass er damit die Karriereleiter leichter nach oben kam. Aber als Henker verlor man seine Ehre, sein Ansehen, seinen Namen, sein Gesicht. Alles, was von ihm geblieben war, waren seine Erinnerungen. Jetzt war er nur noch eine lederne Maske, ein namenloser Schrecken, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Er war der Henker.
    Mit einem traurigen Seufzen nahm er die Axt von ihrer Aufhängung an der Wand.
    „Ha, ha, jetzt geht es endlich wieder los!“, rief sie erfreut. Der Henker nickte stumm.
    Mit der Linken nahm er sich die Maske vom Tisch und streifte sie über. Früher hatte er beide Hände gebraucht, aber nun glitt sein Kopf schnell und einfach hinein und es fühlte sich so an, als sei die Maske ein Teil seines Körpers. Mehr noch, erst jetzt fühlte er sich ganz er selbst. Ohne die Axt und die Maske war er nur ein Mann, den andere verachteten. Aber trug er beides, dann war er der Henker. Dann war er er selbst.
    Alle Trübsinnigkeiten, alles Sinnieren und alle Zweifel fielen vom Henker ab, als durch die Türe seiner kleinen Kammer trat und sich auf den Weg zum Schafott machte.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

    3 Mal editiert, zuletzt von Asni (26. Februar 2018 um 23:14) aus folgendem Grund: Tariqs Kommentare eingearbeitet "Vorwort" eingefügt

  • „Jetzt hör auf zu grübeln und nimm mich endlich!

    Scheint ja gut zu laufen in deren Ehe :grinstare:

    Sonst eine sehr schöne Kurzgeschichte. :) Zu Anfang fehlt mir eventuell noch der Grund, warum der Henker über seine Axt flucht. Er kann auch gern erst fluchen und danach kommt die Ursache, sodass er in seinen Gedanken vielleicht erst sein Beil verflucht, um dann doch langsam wieder von ihrem Anblick umgestimmt zu werden.

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • Gefällt mir sehr, @Asni! Ich finde es toll, wie man ein profanes Werzeug wie eine Axt mit so vielen Worten beschreiben kann, ohne sich dabei zu wiederholen. Man meint sie förmlich selbst in den Händen zu halten und sie zu betrachten.
    Auch die Stimmung des Henkers kommt gut rüber. Ein bedauernswerter Mensch...
    Ohne viel Dialoge schaffst du eine bedrückende Stimmung, die den Leser mit hineinzieht, ob er will oder nicht.
    Insgesamt eine runde Sache für mich. Zwei kleine Sachen im Spoiler.

    VG Tariq

    Spoiler anzeigen

    Der Henker musste zugeben, dass die Scharfrichteraxt schon etwas Besonderes war. Ganz offensichtlich sah sie toll aus, obwohl sie so schlicht war. Aber irgendetwas an ihr, vielleicht ihre einfache Ebenmäßigkeit oder der glatte, schnörkellose Stahl, wirkte einfach wie ein Kunstwerk.

    nur ein Vorschlag, kann aber auch bleiben :)

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

    ___________________

  • Die Axt hat wirklich was von ner Frau, der böse Geist im innern und so... :grinstare: eine nette kleine Beziehung, die der Henker da zu seinem Stängelchen ( :grinstare: ) hat. Hat mir gefallen. Aber der Herr tut mir schon etwas leid... das Henkerdasein ist wirklich hart. Außer seiner Axt wird sich wohl auch keine Frau mit ihm abgeben wollen... wobei das schon witzig wäre, wenn doch. Stell dir das mal vor, er hat gerade leidenschaftlichen Sex und dann hängt da die Axt an der Wand und schreit ständig dazwischen: "Nimm mich! Nimm mich!"

  • Ohne die Axt und die Maske war er nur ein Mann, den andere verachteten.

    Aber ohne Axt und Maske wissen die anderen doch gar nicht, dass er der Henker ist :hmm: Er wäre doch in deren Augen dann ein normaler Mensch.


    Irgendwie schade, wenn man sich nur noch darüber definiert, was man tut und sich auf "das Henker-Sein" reduziert. Aber gerade bei einem solchen Job und Alltag ist es kaum verwunderlich, wenn man plötzlich abstumpft und in sich nur noch dieses Eine sieht.
    Die Geschichte ist ziemlich traurig ;(

  • Hey @Asni!

    Schöne Kurzgeschichte, die mich sowohl zum Schmunzeln, als auch zum Grübeln gebracht hat.
    Wenn ich so manche Leute heutzutage anschaue, frage ich mir oft, ob hinter diesem Arbeitstier, das nur für die Firma lebt, nicht noch irgendjemand anderes steckt. Auch denke ich mir bei dem typischen Spruch: Der hat immer fleißig gearbeitet; das es erschreckend ist, wie oft man Leute nur nach ihren Arbeitsleistungen definiert.

    Ein paar Kleinigkeiten hätte ich noch:

    Spoiler anzeigen


    Zugegeben, in einer Ehe machte man mehr gemeinsam als nur Köpfe oder andere Gliedmaßen von anderen Leuten abzuhacken. Aber ein bisschen ähnlich war es schon.


    Das könnte man vielleicht noch etwas verschönen.
    z.B. ... als nur Köpfe und sonstige Gliedmaßen / Extremitäten von anderen Leuten abzuhacken.

    Spoiler anzeigen

    Drittens wohnte in der Axt ein böser Geist, der zu ihm sprach. Wiederum korrigierte sich der Henker in Gedanken. Es war nicht wirklich ein böser Geist, eher ein möchtegern böser Geist, der aber nach jedem Gerichtsakt Schuldgefühle hatte, obwohl er nur das Werkzeug war.


    Eine 100%ige Lösung finde ich nicht, ohne gleich alles umzustellen, aber ich wollte dir die Anmerkung trotzdem hier lassen. Vielleicht fällt dir ja noch was ein.

    Spoiler anzeigen

    Alle Trübsinnigkeiten, alles Sinnieren und alle Zweifel fielen vom Henker ab, als durch die Türe seiner kleinen Kammer trat und sich auf den Weg zum Schafott machte.


    Irgendwie stört mich die Kombination der beiden Wörter. Heißt es vielleicht "aller Zweifel"? bin mir nicht sicher. Evtl. kann man auch einfach "jeglicher" oder "sämtlicher" verwenden.

    Gruß
    Rebirz

    Da sitzen sie wieder alle und fressen Eis ... Als wüssten sie nicht, wie ein Bier aufgeht!

  • Gefällt mir gut @Asni, wirklich sehr gut,

    bis auf ein, zwei Dinge. Prinzipiell hast du es super verstanden, die Gedanken der beiden so unterschiedlichen Protagonisten zu beschreiben, und zwar SO gut, dass man schnell merkt, dass sie soooo unterschiedlich gar nicht sind. Beide sindam Anfang von einer Aura der Hoffnungslosigkeit umgeben. Aber sie versuchen, mit aller ihnen zur Verfügung stehender Kraft ihren Traum von Freiheit wahr zu machen. Leider erfährt man als Leser nicht, ob es Welvis gelungen ist, da du ja sagst, dass die Erzählreihenfolge nicht die zeitliche Reihenfolge ist. Also kann diese nur umgekehrt sein. Und da wäre Welvis' Flucht ja NACH Mattes' Hinrichtung. Also - großes Fragezeichen ??? ^^

    Das zweite wäre, dass ich nicht weiß, in welchem Zeitalter deine Geschichte angesiedelt ist. Henker ist klar, Vergangenheit, rauhe Vergangenheit. Aber welcher Henker trägt eine Rüstung? Eine Maske - ja. Aber eine Rüstung? Und Hinrichtungen mit dem Schwert waren nur höhergestellten Personen vorbehalten, so ich mich recht erinnere. Für das gemeine Volk war die Axt ausreichend.

    Auch erfährt man nicht wirklich etwas über die Beweggründe für Welvis' Flucht. War etwas vorgefallen, dass es ihm unmöglich machte, den 'Job' weiter auszuüben? War es vielleicht sogar Mattes' Hinrichtung?
    Die letzten Sätze in der Hinrichtungsszene lassen den Charakter Welvis, der dem Leser in seiner Zerrissenheit und seiner Sehnsucht nach Freiheit schon etwas ans Herz gewachsen ist, wieder wie einen kompletten Arsch erscheinen. Schade...

    Aber im Großen und Ganzen - wie bei deinen anderen Geschichten, die ich von dir gelesen habe, hast du es auch hier verstanden, mich voll hineinzunehmen in deine Story, so kurz sie auch war. Wäre schön, hier bald eine neue Geschichte zu finden! :)

    VG Tariq

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

    ___________________