Aus den Wäldern - Die Geschichte von Fjann

  • ***


    Es ist eine alte Wahrheit, daß im Licht eines neuen Morgens die Dinge anders sind als im Dunkel der vergangenen Nacht.


    Als Relian die Augen aufschlug, stieg ihm ein würziger Duft in die Nase.

    In der Glut ihres Lagerfeuers der vergangenen Nacht lag ein flacher Stein und auf diesem mehrere handgroße Teigfladen, die sich in der Hitze langsam bräunten.

    „Ah, Freund Relian!“ sagte Dyndin, während er die kleinen Brote mit flinken Fingern umdrehte.

    „Ich hoffe, Ihr hattet eine geruhsame Nacht?“

    Die Mundwinkel des Zwergs zuckten belustigt.

    Relian streifte die Decke zurück und richtete sich auf.

    „Ihr habt mich gestern böse hereingelegt,“ entgegnete er. „Wenn das, was Ihr hier gerade zubereitet, in die gleiche Richtung zielt, verzichte ich dankend!“

    Dyndin lachte auf.

    „Keine Sorge,“ gab er zurück. „Es sind nur einige Brote zum Frühstück.“

    Der Zwerg wendete die Fladen, die mittlerweile einen satten Braunton angenommen hatten.

    „Ich gebe zu, der Scherz war grob. Aber vergesst nicht: Ich hatte Euch gewarnt.“

    Rasch holte er die fertigen Brote aus der Glut und legte sie zum Abkühlen auf das große Blatt eines Butterbur, das er vorher vom Bach geholt hatte.

    Relian fuhr sich mit den Fingern durch die zerzausten Haare und grinste.

    „Ist euch Zwergen eigentlich schon mal der Gedanke gekommen, daß dieses Gewürz eine fürchterliche Waffe sein könnte, Dyndin?“

    Hinter dem dichten Gestrüpp von Dyndins Bart machte sich ein Grinsen breit.

    „Wenn ich das jetzt höre: Nein. Aber der Gedanke an sich ist sehr reizvoll, Relian.“ Er reichte dem Waldläufer zwei der Brotfladen.



    „Warum nach Canthares?“ fragte Relian, als sie ihr einfaches Mahl beendet hatten. „Was haben die Zwerge Glamrods mit einem König zu schaffen, dessen Reich nicht einmal das größte ist in dieser Welt?“ Er wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab.

    Dyndin stocherte abwesend mit einem Zweig in der Glut des Feuers herum, dann hob er den Kopf.

    „Es ist ein alter Pakt, der uns an Canthares bindet,“ entgegnete er. „Er wurde lange vor meiner Geburt geschlossen. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nichts darüber. Aber er hat nichts von seiner Gültigkeit verloren.“

    Der Zwerg blickte Relian an.

    „In unseren Bergen geschehen seltsame Dinge,“ sagte er vage. „Wir hören Geräusche in unseren Minen, die es vor kurzem noch nicht gab. Klopfen, wie von schweren Hämmern. Als würden sich neben unseren Gängen noch andere ihren Weg in die Felsen graben. Und über der Erde häufen sich unsere Begegnungen mit den Bath, von denen wir dachten, daß sie endgültig vom Angesicht dieser Welt verschwunden wären.“

    Dyndin atmete tief ein.

    „Wie es scheint, haben wir uns getäuscht.“

    „Und was, Freund Dyndin, glaubst du, wird der König von Canthares dagegen unternehmen?,“ fragte Relian mit emporgezogenen Augenbrauen.

    „Ich weiß es nicht,“ sagte Dyndin. „Aber sicher ist, daß etwas geschehen muß.“

    „Gut,“ Relian erhob sich und rollte seine Decke zusammen. „Canthares liegt in dieser Richtung...“ Er wies mit dem Finger in das Grün des Waldes.

    „Wir folgen dem Bachlauf, bis er sich in den Malde ergiesst.“

    Relian sah den Zwerg an.

    „Zwei Tagesmärsche etwa.“ Der Waldläufer grinste, während sich das Gesicht des Zwerges zu einer sauren Miene verzog.

    „Eine Menge Grünzeug, Dyndin. Eine große Menge Grünzeug! Und jetzt los!“



    Relians Lachen scholl hell durch den Wald, als sie sich auf den Weg machten.



    ***

  • Es ist eine alte Wahrheit, daß im Licht eines neuen Morgens die Dinge anders sind als in der Dunkelheit der Nacht.


    Schoener Anfang - aber ich kapier' den Bezug zum Rest nicht... irgendwie sollte das Thema doch dann aufgenommen werden?(


    Wir erfahren also mehr ueber die Bedrohung die die Geschichte durchzieht - Bath und andere seltsame Dinge. Ein schoener Abschnitt - macht neugierig. Weiter so (nur etwas... schneller...)!

  • Ein schoener Abschnitt - macht neugierig. Weiter so (nur etwas... schneller...)!

    Da schließe ich mich vorbehaltlos an, Der Wanderer . Ich habe den Abschnitt auch als schön empfunden, musste aber zurückscrollen, um den Faden vom letzten Post aufzunehmen und hier anzuknüpfen (heißt: musste nachschauen, wer wer ist und was wir bereits von ihnen wissen).

    Das macht zumindest mir das Lesen etwas mühselig und erschwert das Finden von Zusammenhängen. Und das ist schade, weil die Story mich sehr neugierig gemacht hat.

    Kann gerne heute noch weitergehen! :thumbup: :rofl:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



    :cookie:


    ___________________

  • Hey,

    ich bin mal bei dir in deinen Thread gefallen und musste die Geschichte doch anfangen zu lesen, weil mich schon der Titel angesprochen hat. Hatte irgendwas „mystisches“ an sich.^^


    Einleitung


    Die Einleitung hat mir direkt gefallen. Man hat einen ruhigen Einsteig und erfährt schon direkt etwas über die Hintergrundgeschichte.


    Zitat

    Erst war es nur ein schlichter Unterschlupf gewesen, ein primitiver Schutz vor dem Wetter.

    Äste, schräg aufwärts gegen einen Baum gelehnt als Gerüst für die darübergelegten morschen Felle, so daß das ganze einem Zelt glich.

    Aber schon sehr bald hatte Adhren mit seinem Schwert dafür gesorgt, daß die das Zelt umgebenden Bäume fielen.

    Daß eine Lichtung entstand, wo vorher nur Wald gewesen war. Und daß aus den gefällten Bäumen ein festes Haus erwuchs, klein zwar, aber ausreichend, einem Mann, seiner Frau und einem kleinen Säugling zu einer Heimat zu werden.

    War das wirklich schon fast fünfzehn Jahre her?

    Ich muss sagen, ich finde diese Beschreibung richtig gut. Ich kann mir dieses Zelt vorstellen, wie es sich über die Zeit entwickelt. Das dies irgendwann nicht mehr reicht und ein Haus her muss. Auch die Frage am Ende, finde ich super. Das lockert das ganze nochmal etwas auf, dass man eben gespannt ist weiter zu lesen, was in den 15 Jahren passiert ist.


    Zitat

    Tatsächlich. Fast fünfzehn Jahre. In denen aus dem schreienden, plärrenden Bündel, daß der Jäger mit in die Wälder gebracht hatte ein Junge wurde. Und aus diesem fast schon ein Mann.

    Und der wie schon früher so oft auch jetzt wieder in der Deckung der Büsche in seinem Rücken lag und ihn beobachtete.

    Worauf hoffte der Junge nur immer?

    Hier muss ich auch wieder was zu sagen. Der Übergang von der Frage was eben passiert ist, wird hier kurz und knackig erklärt.


    Zitat

    Denn wieder einmal hatten ihn Berichte erreicht. Aus Ghaidon und aus Ethlor, in denen von Verheerungen berichtet wurde, brennenden Dörfern und Städten und einsamen Weilern. Und in den Berichten immer wieder die Beschreibungen derer, die dafür verantwortlich zu sein schienen: Die Bath.

    Ein Volk, welches es immer vorgezogen hatte, im Dunkel der Erde zu wandeln und zu siedeln.

    Eine Frage war: Warum kamen sie wieder an's Licht? Und weiter: Woher?

    Mairn-â-Godrh, die alten Berge, waren nicht der Quell, aus dem sie erneut strömten.


    Auch hier kann ich wieder die Beschreibung erwähnen, die mir sehr gut gefällt und direkt einen weiteren Einblick liefert.


    Die Einleitung hat mir wirklich sehr gut gefallen. Die Beschreibung sind da, nicht zu viel und nicht zu wenig. Ebenso finde ich sie in den Sätzen sehr schön verpackt, dass es eben jetzt keine zu Detailreiche Beschreibung ist und die Story an sich liegen bleibt. Ich finde das sehr angenehm zu lesen und du scheinst da auch einen guten Weg gefunden zu haben.^^

    Auf jedenfall mag ich die Geschichte jetzt schon. Was mir aber auch aufgefallen ist, du scheinst dir vorher auf jedenfall Gedanken gemacht zu haben. Ich persönlich bin echt unkreativ was Namen angeht. Vom Gefühl her würde ich sagen, dass du da schon einen Plan hast. Auch was die Namen der Pflanzen angeht. Daher freue mich weiter zu lesen.^^


    Ich werde mal schauen, wann ich dazu komme, weiter zu lesen. (:


    Rune

  • Heyho Tariq  Thorsten  Rune,

    Weiter so (nur etwas... schneller...)!

    Kann gerne heute noch weitergehen!

    Ja. Ja! JAAA!

    Ihr Lieben, ich versuche ja mein Bestes. Aber bei einem Tagesablauf, der mich 5 Tage lang nie vor 20:00Uhr nach Hause kommen lässt, wird die Motivation zum Schreiben noch durch Beiläufigkeiten wie Essen kochen (und danach das Essen essen...) durch den daraus resultierenden Mangel an Zeit leider sehr eingeschränkt. Kommt dann noch die Band (Sonntag von 16:00 bis ca. 21:00) und mein "freier Tag" dazu (alles erledigen, was man in den 5 Arbeitstagen nicht erledigen kann) ist das Zeitfenster leider ziemlich eng.

    Und wenn einem dann auch noch so gar nichts einfallen will in den verbleibenden zwei Stunden bis Mitternacht wird's eben auch über einen längeren Zeitraum mal still. Kotzt mich selber am meisten an...:puke::puke::puke:

    Rune

    Ganz herzlichen Dank für Deine Anmerkungen.:thumbup:

    Wenn meine Schreibe Deinen Geschmack getroffen hat, ist das für mich ein hohes Lob. Danke.

    Fühl Dich aber bitte auch frei darin zu äußern, wenn Dir was nicht gefallen hat.

    Und gaaanz wichtig:):


    Adressier Deine Kritiken. Wenn Du ein Der Wanderer einfügst, kriege ich Deine Mitteilung direkt angezeigt. Ohne stolpere ich unter Umständen erst Tage später zufällig drüber.

  • Der Wanderer ,

    nach dem ich alle verfügbaren Teile gelesen habe kann ich nur sagen eine tolle Geschichte.

    Ich bin damit komplett klar gekommen und schön in die Szenen eingetaucht. Vielleicht "strömen" unsere Gedanken im gleichen Takt. :D

    Spaß beiseite, wirklich sehr gute Geschichte.

    Handwerklich sage ich nichts, da gibt es richtige Experten hier.

    Inhalt allerdings erste Sahne.


    Bitte mehr....

    Kurzgeschichte "Unerwartet"


    Wie und Warum ist Haga zur Stadtwache gekommen?

    Warum schickt man keinen epischen Helden mit fundierter Monsterniederhack-Ausbildung?

    Fragen über Fragen ...



    Der Weg zum Selbst (Arbeitstitel)

  • Heyho Bluefox


    Vielen lieben Dank für Deine Meinung.

    Handwerklich sage ich nichts, da gibt es richtige Experten hier.

    Um Experten gebe ich wenig bis nichts. Wenn einem hier was auffällt, daß er komisch oder seltsam findet, bitte ich sehr darum, daß auch zu äußern.

    Ganz kleine Dinge können sehr hilfreich sein. Also keine Scheu, was Kritik angeht. Wenn Du jedoch nix gefunden hast - noch besser!:D:D:D


    Und das mit dem "Strömen" ist naheliegend. Seelenverwandschaft gibt es oft.

    Apropos:

    Der Gegenstand mit Stil

    Schau's Dir bitte mal an. Da gibt es viel zu lachen, aber aus irgendwelchen Gründen ist der Thread zur Zeit ziemlich tot, was ich sehr bedauere. Vielleicht gibst Du ihm ja mal einen neuen Anschub!?!

  • Ah schön, es geht weiter!

    Ich bin ein wenig befangen, weil ich - warum auch immer, wahrscheinlich tiefenpsychologische Ursachen - Szenen liebe, in denen die Figuren frühstücken :D Vielleicht weil ich finde, dass in Romanen generell zu wenig gefrühstückt wird und es manchmal gerade diese, scheinbar, profanen Dinge sind, in denen Namen und Buchstaben für mich zu lebendigen Figuren werden. (Hildesheimer schreibt in Marbot mal, was in der Geschichtsschreibung eine zu geringe Rolle spielt, ist die Frage: Wer wusch sich wann und überhaupt?)

    Ich finds stimmungsvoll und der Dialog "rollt gut ab", es ist also nicht irgendwie gezwungen sondern läuft locker-flockig durch. Was mir besonders gefällt, ist dass du die Szene als Gelegenheit nutzt, um den Hintergrundkontext (mit dem Pakt, den Bath, etc.) einzuflechten. Sowas landet sonst häufig in Prologen, die sich wie ein Sammelsurium an Kontext-Informationen lesen, die die AUtorin / der Autor sonst nirgendwo mehr untergebracht hat (ganz abgesehen davon, dass ich finde, die Aufgabe eines Prologes ist es, Fragen aufzuwerfen anstatt Vorab-Antworten zu geben).

    Freue mich auf mehr, lg

    Ein paar stilistische Vorschläge im Spoiler. Alles Kleinkram-Gemäkel, kannst du dir mal anschauen, musst du aber nicht :)

  • Heyho Jota

    Meinen Dank für die Anregungen.:thumbup:

    Ich versuch jetzt mal, daß ganze etwas zusammenzufassen.


    Ich danke sehr herzlich für Deine konstruktive Kritik, lieber Jota. Gerne mehr davon beizeiten.

    Und jetzt gute Nacht.

    :)

  • Hallo Der Wanderer ,


    von mir nun auch noch ein Kommentar zum letzten Abschnitt.

    Es ist eine alte Wahrheit, daß im Licht eines neuen Morgens die Dinge anders sind als im Dunkel der vergangenen Nacht.

    Schöner Einstieg, hab den Satz gleich 2x gelesen, weil ich ihn einfach so gut fand. :thumbsup:

    Im Grunde könnte ich gleich den ganzen Text zitieren, der ist wirklich gut und ich habe (fast) nichts zu meckern. Daher zitiere ich gleich noch den letzten Satz:

    „Eine Menge Grünzeug, Dyndin. Eine große Menge Grünzeug! Und jetzt los!“

    Ja ist nicht der letzte Satz, aber so wie es momentan steht, würde ich wirklich hier Enden. Dieser Satz fasst alles zusammen, nimmt das Geschehene mit dem bekannten Humor der vorherigen Texte auf und blickt nach vorn, besser geht es einfach nicht, absolut perfekt. Daran kann der nachfolgende und wirklich letzte Satz ("Relians Lachen scholl hell durch den Wald, als sie sich auf den Weg machten.") nicht anknüpfen und bringt auch nicht wirklich einen Mehrwert. Daher wäre ich persönlich nicht traurig, wenn er einfach wegfallen würde. Das ist aber nur so eine Idee meinerseits.


    Es war wieder sehr schön, was von dir zu lesen und lass dich nicht stressen, ich weiß leider, wie das so mit der Zeit ist, manchmal hat man sie und leider viel zu oft nicht...

  • Heyho Charon


    Vielen Dank für Deine Anmerkungen.

    Im Grunde könnte ich gleich den ganzen Text zitieren, der ist wirklich gut und ich habe (fast) nichts zu meckern.

    Aber irgendwas muß da wohl doch noch gestört haben...^^

    Wenn sich's auf den letzten Satz bezieht, hast Du Pech. Den muß ich drinlassen, weil der nächste Teil wieder zurück auf das Anfangsgeschehen schwenkt.

    Und da möchte ich doch in den Wäldern gerne ein kleines Echo stehen lassen...:)

  • Kapitel III.

    Heilung


    Adhrens finstere Miene hellte sich merklich auf, als er die hohe Gestalt Elgars bemerkte, der, dichtauf gefolgt von Fjann, aus dem Wald heraustretend mit weitausgreifenden Schritten auf's Haus zueilte.


    „Seid mir von Herzen willkommen, Elgar,“ sagte er erleichtert, als der Zauberer die Schwelle überschritt.

    Der Zustand des Verwundeten hatte sich von Minute zu Minute verschlechtert und der Jäger befürchtete das Schlimmste.

    Elgars Antwort bestand lediglich aus einem flüchtigen Nicken in Adhrens Richtung, während er sich rasch am Lager des Verletzten niederließ und ihn untersuchte.


    Mit einem Schnaufen setzte Fjann den Beutel des Zauberers ab, den er den ganzen Weg getragen hatte und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen, während sein Blick gebannt an Elgar hing. Der hatte seine Augen geschlossen und bewegte seine geöffneten Hände dicht über den Körper des Verwundeten hin und her, ohne ihn dabei zu berühren.

    Langsam glitten sie vom Kopf über die Schultern zur Brust herab, verharrten an einigen Stellen.

    Fuhren dann kurz zurück, während sich auf Elgars Stirn tiefe Falten zeigten.


    „Was tut er da?“ wisperte Fjann seinem Vater zu, aber der legte nur einen Finger an die Lippen zum Zeichen des Schweigens.

    Schließlich verharrten die Hände des Zauberers über dem häßlichen, klaffenden Schnitt an der Seite des ohnmächtigen Mannes, auf dessen bleicher Stirn Fieberschweiß glänzte.

    Erneut quoll gelber Schaum aus der Wunde.

    Elgar sog scharf den Atem ein und öffnete die Augen.


    „Und?“ fragte Adhren gespannt, obwohl er die Antwort zu kennen glaubte.

    „Es bleibt nicht mehr viel Zeit,“ gab der Zauberer zur Antwort und heftete seinen Blick auf Fjann.

    „Die Vergiftung ist bereits zu weit fortgeschritten, als daß dieser Mann auf herkömmliche Weise geheilt werden könnte.“

    Elgar öffnete seinen Beutel und förderte ein kleines Messer hervor. Die Klinge war nur einen halben Finger lang, leicht gekrümmt und von einem matten Schwarz, das kein Licht reflektierte.

    Der Griff bestand aus Horn, gelb vom Alter und übersät mit seltsamen Gravuren.

    Adhrens Augen weiteten sich bei diesem Anblick.


    Elgar wandte sich Fjann zu.

    „Du und ich, wir können diesen Mann noch retten,“ sagte er. „Aber deine Hilfe muß aus freiem Willen kommen, nur dann haben wir Erfolg.“

    Fjann's Blick zuckte verwirrt zwischen der seltsamen Klinge und dem Gesicht seines Vaters hin und her, der sich fahrig mit der Hand über das Gesicht wischte.

    „Ich...ich verstehe nicht, was ihr von mir verlangt, Elgar,“ entgegnete er unsicher.

    „Dies hier ist ein Dorfánh.“ Elgar drehte das kleine Messer zwischen den Fingern. „Eine schwarze Klinge. Aus den gleichen Schmieden wie die Schwerter, von denen eines diese Wunde schlug.“

    Er deutete auf die Verletzung an der Seite des Ohnmächtigen.

    „Man kann das Böse mit dem Bösen heilen, wenn das Gute sich als stärker erweist, Fjann,“ setzte er hinzu. „Dazu brauche ich dich. Und dein Vertrauen.“

    Der Zauberer blickte dem Jungen ernst ins Gesicht. „Ansonsten wird dieser Mann hier in kurzer Zeit tot sein.“


    „Ich kann nur hoffen, daß ihr genau wißt, was ihr tut, Elgar!“ fuhr Adhren unvermittelt scharf dazwischen.

    „Einen Dorfánh zu benutzen...“ Adhren brach abrupt ab, als Elgar ihn ansah.

    „Ich weiß sehr wohl um das Risiko, Adhren,“ entgegnete er. „Aber genau so wissen wir beide, daß es keine Alternativen mehr gibt.“


    „Was hat das alles mit mir zu tun?“ Fjann war aufgesprungen.

    Beide Männer wandten sich ihm zu.

    „Elgar will...“ begann Adhren, aber der Zauberer schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.


    „Du mußt verstehen, Fjann,“ sagte Elgar und hielt dem Jungen die dunkle Kinge vor das Gesicht. „Dieses Messer wurde mit Bosheit und Hass geschmiedet. Es ist dem Verderben geweiht worden.“

    Fjann zuckte zurück.

    „Aber,“ fuhr der Zauberer fort, „es kommt immer darauf an, wer es führt.“

    Spielerisch ließ Elgar das Messer zwischen seinen Fingern kreiseln.

    „Ich kann es führen, aber das ist nicht genug. Um es zu einem Werkzeug der Heilung zu machen, braucht es mehr als meine Kraft. Dafür braucht es deine, Fjann.“

    Das Gesicht des Jungen spiegelte nun völlige Verwirrung.

    „Vertraust du mir?“ fragte der Zauberer.

    „Ist es gefährlich?“

    „Nur, wenn du mir mißtraust, Fjann. Es wird dich schwächen. Nicht lange, aber es wird dich Kraft kosten. Doch bist du jung und wirst dich rasch erholen.“

    Fjann sah zu Adhren hinüber. Die Miene des Jägers war finster.

    „Vater?“

    Adhren blickte ihn an.

    „Es ist allein deine Entscheidung,“ gab er dann schwerfällig zurück. „Ich halte nichts davon...aber ich habe auch gesehen, daß ein Dorfánh durchaus Rettung brachte.“

    Fjann zögerte nur einen kleinen Moment.

    „Ich vertraue auf euch, Elgar,“ sagte er dann. „Was ist zu tun?“


    Nebeneinander nahmen der Zauberer und der Junge am Lager des Verwundeten Platz.

    Elgars Hand schwebte dicht über der Stirn des Mannes.

    „Anoris, Anris ab Anoris...“ Elgars Stimme schwoll an. „Ab Anris sed Anoris!“

    Ein bläuliches Licht erschien zwischen der Stirn und seiner Handfläche.

    „Ab Anoris sed Anris!“

    Die Stimme des Zauberers erfüllte den Raum. Und das blaue Licht begann sich auszubreiten, floß vom Kopf herunter über Hals und Brust des Ohnmächtigen, als tastete es den Körper suchend ab bis hinunter zu dem klaffenden Schnitt, aus dem der gelbe Schaum troff. Dort verharrte es, pulsierend, abwartend.

    „Gib mir deine Hand!“ Keine Bitte war es, sondern eine Aufforderung.

    Im gleichen Augenblick, als Fjann die Hand ausstreckte und Elgar seinen Griff fest um sein Handgelenk schloß fuhr der Dorfánh in sie hinein, schnitt in seinen Handballen. Fjann's Mund öffnete sich zu einem Schmerzensschrei, als das Blut aus der Wunde quoll. Doch fühlte er keinen Schmerz.

    „Ab Anoris sed Anris!“

    Elgars Stimme füllte kraftvoll den Raum.

    Er drehte Fjanns Hand herum, führte sie dicht über dem Körper auf dem Bett, so daß die Blutstropfen auf die Ränder der Wunde fielen. Wo immer einer davon auf die zerrissene Haut traf, wurde ein leises Zischen hörbar, mit dem sich der blaue Schimmer der gewobenen Magie mit der Kraft des Lebens verband. Doch mischte sich das Blau nicht mit dem Rot, sog es vielmehr in sich auf, wurde immer intensiver. Und mit jedem fallenden Blutstropfen schwand der gelbe Schaum, wurde verwandelt in ein schimmerndes Grün, ehe sich die Wunde langsam zu schließen begann. Wo die Heilung vollendet wurde, blieb nur der dünne rote Strich einer frischen Wundnarbe auf schweißbedeckter Haut zurück.

    "Ab Anoris sed Anris!!!"

    Elgars Stimme dröhnte Fjann in den Ohren. Ihm wurde schwindelig.

    Und das blaue Licht umschloß jetzt alle: Den Zauberer, dem der Schweiß der Anstrengung auf der Stirn stand, den Verwundeten, dessen Körper sich aufbäumte und Fjann, der das Gefühl hatte, daß ihm etwas das Leben aussaugte.


    „Ad Anoris! Ad Anris!“


    Vor Fjanns Augen verschwamm alles in dem strahlenden Blau, das den Raum erfüllte.

    Und dann war es vorbei.

  • Man kann das Böse mit dem Bösen heilen, wenn das Gute sich als stärker erweist, Fjann,

    Ein interessantes Konzept das hier zur Heilung verwendet wird - gefaellt mir gut. Woher der Magier wohl ein Dorfanh hat ?(


    Ich wuerde mir vielleicht ein bisschen mehr Zwiespalt bei Fjann wuenschen - immerhin wird die ganze Szene drauf aufgebaut dass Elgar hier was gefaehrliches tut indem er ein Werkzeug des Boesen handhabt - dafuer ist Fjann eigentlich sehr schnell mit Vertrauen und allem dabei, so ein bisschen ein mulmiges Gefuehl faende ich nicht schlecht...

  • Hallo Der Wanderer ,


    vielen Dank für die wunderbare Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe und auch weiter verfolgen werde.


    Schon der Titel hat meine Aufmerksamkeit erregt, und kaum hatte ich die ersten Sätze gelesen, war ich auch schon gefangen.

    Eine spannende Geschichte, interessante Figuren (auch wenn der Zwerg ein wenig klischeehaft daher kommt, und auch der Zauberer durchaus dem klassischen Bild folgt). Gut gebaute flüssige Sätze (ich mag es, wenn Sätze auch mal länger sind) und regelmäßiger Perspektivwechsel machen die Geschichte sehr gut und spannend lesbar.

    Vielen Dank, das die Perspektive des jugendlichen Fjann nicht zu sehr in den Vordergrund rückt. Denn ich kann jugendliche Weltenretter eigentlich nicht mehr lesen.

    Du hast auch die richtige Dosierung Humor gefunden.

    Nun freue ich mich auf weitere Abschnitte der Geschichte...

  • Heyho Torshavn


    Ganz herzlichen Dank für die Kritik.

    (auch wenn der Zwerg ein wenig klischeehaft daher kommt, und auch der Zauberer durchaus dem klassischen Bild folgt)

    Ja, Du hast natürlich recht und mir ist das auch durchaus bewusst. Und eigentlich mag ich's auch nicht wirklich. Andererseits hat bereits Sir Terry Pratchett das Problem erkannt und daher weiblichen Zwergen ebenfalls Bärte verpasst...manche Klischees braucht es scheinbar.^^

    Das Bild des klassischen Zauberers liebe ich dagegen sehr - Weisheit hat für mich in diesem Zusammenhang immer etwas mit Falten im Gesicht und einem weißen Bart zu tun (der muß aber nicht zwangsläufig ein langer sein:):):))


    Ein etwas weniger klassisches Bild habe ich hier mal versucht...Fortsetzung ist in Arbeit und in der Tat hatte ich da auch vor, das Zwergenklischee aufzubrechen. Mangels Zeit ist da ber leider noch nichts Neues entstanden.


    Die wilde Horde


    Thanksalot!

  • Hallo Der Wanderer

    Ich wollte ja schon länger etwas rückmelden, war aber die letzten Tage mit Schneeschippen beschäftigt :P

    Mir gefällt gut, auf was die Szene abzielt und welches Verständnis von Magie / Heilung sie präsentiert. Auch der Inhalt mit der Heilung eines eigentlich Todgeweihten ist dafür sehr stimmig gewählt.

    Aber - jetzt bitte nicht falsch verstehen :) - ich hatte aber von Anfang bis Ende das Gefühl, dass da irgendwie... mehr drin gewesen wäre. Und das ist so schade, weil die Sache ja sehr harmonisch komponiert ist! Es gibt da ein paar wirklich sehr schöne dramatische "Hooks", die mehr Potential hätten. Ich liste mal auf, was ich meine:

    Adhrens finstere Miene hellte sich merklich auf, als er die hohe Gestalt Elgars bemerkte, der, dichtauf gefolgt von Fjann, aus dem Wald heraustretend mit weitausgreifenden Schritten auf's Haus zueilte.

    Als Einstiegssatz gar nicht so leicht zu kapieren, dass Adhren in der Hütte sitzt, aus dem Fenster blickt und den Waldrand beobachtet, wann Elgar und Fjann endlich auftauchen :D Und da wäre schon ein erster Knackpunkt. Adhren ist allein in einer Hütte mit einem Sterbenden, den er selbst nicht helfen kann und wartet auf Rettung. Da könnte man als Szene etwas mehr draus machen: "Mit finsterer Miene beobachtete Adhren den Waldrand. Wenn Elgar nicht bald auftauchte, gab es wohl keine Hoffnung mehr." Ein Stöhnen von der Pritsche lässt ihn herumfahren, er registriert erschrocken, dass gelber Schaum aus der Wunde austritt, der Verwundete schlägt im Fieber um sich, usw. Dann klopft es an der Tür. Elgar und Fjann sind da. Hurra!

    Dann muss man den Perspektivenwechsel vielleicht etwas konsequenter durchziehen. Ich hatte während der Szene immer das Gefühl, dass nicht ganz klar ist ob Elgar oder Fjann die Hauptperson ist. Es müsste noch stärker aus Fjann Sicht geschildert werden - und auch seine Emotionen und seine Verunsicherung im Mittelpunkt stehen. Er hat von dem ja noch genau so wenig Ahnung wie der Leser.

    Dann kommen wir zum, wie ich finde, zweiten Knackpunkt:

    „Und?“ fragte Adhren gespannt, obwohl er die Antwort zu kennen glaubte.

    „Es bleibt nicht mehr viel Zeit,“ gab der Zauberer zur Antwort und heftete seinen Blick auf Fjann.

    „Die Vergiftung ist bereits zu weit fortgeschritten, als daß dieser Mann auf herkömmliche Weise geheilt werden könnte.“

    Auch da dachte ich mir, "more Drama please" :) Hier gibt Elgar finde ich zu schnell Preis, dass es doch noch eine Möglichkeit auf Rettung gibt. Schon bevor sich etwas Spannung aufbaut. Nur dass du weißt, was ich meine:

    „Und?“ fragte Adhren gespannt, obwohl er die Antwort schon zu kennen glaubte.
    Elgar sah ihn für einen Moment durchdringend an - und schlug dann, als könne er Adhrens Blick nicht länger standhalten, die Augen nieder. "Die Vergiftung ist bereits sehr weit fortgeschritten. Vielleicht schon zu weit. Ich...", er brach ab und schüttelte resigniert den Kopf.
    "Es muss doch etwas geben, was ihr tun könnt", flehte Adhren mit brüchiger Stimme.
    "Auf herkömmliche Weise wohl nicht", gab Elgar zögerlich zurück. "Aber vielleicht...", sein Blick fiel auf Fjann.

    Also von der Ordnung her nicht: "Wenn wir jetzt nicht das und das machen, stirbt er", sondern eher "Er stirbt - außer wir machen das und das"

    „Ich kann nur hoffen, daß ihr genau wißt, was ihr tut, Elgar!“ fuhr Adhren unvermittelt scharf dazwischen.

    „Einen Dorfánh zu benutzen...“ Adhren brach abrupt ab, als Elgar ihn ansah

    Da könnte Elgar auch ein wenig entschlossener reagieren und ganz unmissverständlich fragen, ob es Adhren dann lieber ist, wenn er seinen Freund einfach sterben lässt. Und auch im Folgenden könnte man diesen Konflikt Adhrens etwas mehr Raum geben: Er steht ja vor der Wahl, seinen Sohn eine gefährliche Behandlung durchführen zu lassen um einen Verwundeten zu retten. Da ist ja durchaus die Frage drin, was liegt mir mehr am Herzen: Das Leben meines Jäger-Kollegen oder das Wohl meines Sohnes. Für mich wäre es als Vater letzteres. Das bringt Fjann ja auch in den Konflikt seinem Vater zu gehorchen oder seiner inneren Berufung zu folgen.

    Nebeneinander nahmen der Zauberer und der Junge am Lager des Verwundeten Platz.

    Da wäre - kurz bevor der spannendste Part mit der Heilung beginnt - vielleicht noch eine kurze Verzögerung zwecks Spannungserhöhung angebracht. Nochmal mit zwei drei Sätzen schildern, dass der Verwundete eigentlich schon mehr tot als lebendig ist und wir uns hier definitiv auf einen Grenzbereich zubewegen, der nur mehr mit dem Magischen erfasst werden kann.


    Wie gesagt, ich finde es spannend - aber mit dem ein oder anderen Kniff könnte man etwas mehr aus der Szene rauskitzeln. Ich als Leser mag es ja, auf die Folter gespannt zu werden und nicht gleich zu wissen, dass alles gut geht :phatgrin:
    Sonst freue ich mich auf neue Kapitel :)

    LG

  • Heyho Jota

    Zunächst einmal: Ganz herzlichen Dank für Deine Kritik!:super:

    Freut mich, daß Dich meine kleine Geschichte so interessiert, daß Du regelrecht einsteigst.:thumbup:

    Allerdings hat mich das hier total irritiert:

    Da ist ja durchaus die Frage drin, was liegt mir mehr am Herzen: Das Leben meines Jäger-Kollegen oder das Wohl meines Sohnes.

    ?(:threeeyes:?(

    Wo habe ich was drüber geschrieben, daß es sich bei dem Verwundeten um einen "Jäger-Kollegen" von Adhren handelt?

    Habe ich? Das war nie die Intention. Es taumelt vielmehr ein völlig Unbekannter rein, der dringend Hilfe braucht, zumindest war das meine Idee.

    Wenn ich da irgendwo was mißverständlich formuliert haben sollte, dann laß es mich bitte wissen.

    Danke.

  • ?(:threeeyes:?(

    Wo habe ich was drüber geschrieben, daß es sich bei dem Verwundeten um einen "Jäger-Kollegen" von Adhren handelt?

    Habe ich? Das war nie die Intention. Es taumelt vielmehr ein völlig Unbekannter rein, der dringend Hilfe braucht, zumindest war das meine Idee.

    Ah, mea culpa. Ich weiß ja eigentlich, dass das der eine im Lederharnisch mit dem blutverschmierten Gesicht ist. Keine Ahnung, warum ich da jetzt Jäger-Kollege geschrieben habe. Wahrscheinlich weil Adhren = Jäger, Hütte = Jagdhütte, muss der andre auch Jäger sein :D War sozusagen nur ein gesteigerter Tippfehler. Lg

  • Hallo Der Wanderer ,


    wieder ein sehr schöner Text, zusammen mit Rammstein im Hintergrund, bekomme ich ja fast Gänsehaut beim Lesen. :thumbsup: