Der Ring

  • So. :)

    Ich habe meine drei Guardians-Bände ja schon seit längerer Zeit fertig und seitdem nichts wirklich Vergleichbares zustande gebracht, lediglich ein paar Kurzgeschichten. Doch Mitte März hat ein Idee in meinem Kopf begonnen, bunte Blüten zu treiben, und ich fing wieder mit einem größeren Projekt an. Nachdem ich meinen Prolog vier Usern des Forums unabhängig voneinander gezeigt und Meinungen dazu gehört habe (ein großes Dankeschön an der Stelle nochmal an Chaos Rising, Sensenbach, LadyK und Kiddel Fee !!), wurde ich ermutigt, ihn zu posten.

    Ich habe lange gezögert mit der Entscheidung und ich weiß auch noch nicht, ob da noch was nachfolgen wird. Mich würde nur erst einmal interessieren - sorry, das ist meine Standardfrage, wenn ich jemanden einen Prolog von mir lesen lasse - ob der Text geeignet ist, beim Leser Interesse auf die Story dahinter zu wecken. Zumal SciFi etwas völlig Neues für mich ist (*hust, bekennender Urban-Fantasy-Fan*). Der Prolog hat mich hinsichtlich Fantasie und Ideen, was die Zukunft wohl bieten könnte, schon extrem gefordert. :D

    So. Genug der Vorrede.


    Prolog



    Möchten Sie sich an Dinge erinnern können,

    die Sie nie erlebt haben?

    Dann kommen Sie zu BuyRem!

    Wählen Sie aus einer breiten Palette an Erinnerungen

    und lassen Sie sich von uns entführen!

    Ihre Erinnerung wartet schon auf Sie!


    Er war mitten in der Laufzone stehen geblieben. Wie gebannt starrte er auf das riesige Werbeplakat hoch oben an der Nordwand des himmelblauen Cloudscrapers. Unzählige Male war er auf dem Heimweg von der Arbeit schon hier vorbeigelaufen und stets hatte sein Blick die Werbetafel nur flüchtig gestreift.

    Heute nicht.

    Ein Stoß in den Rücken ließ ihn taumeln. „Verzeihung!“, murmelte der Mann, der ihn angerempelt hatte, musterte ihn befremdet und lief dann um ihn herum.

    Er trat beiseite. Man blieb nicht in der Laufzone stehen, das wurde einem schon als Kind beigebracht. Seufzend reihte er sich wieder ein in den Strom der Menschen.

    Sich an Dinge zu erinnern, die man nie erlebt hatte, hörte sich interessant an. Wenn es doch nur umgekehrt auch möglich wäre! Wenn man seine Erinnerungen einfach abgeben könnte. Mit den entsprechenden Mitteln ließe sich so durch BuyRem eine völlig neue Vergangenheit kreieren. Eine, die nicht existierte, die aber die reale auslöschte.

    Er hatte keine Ahnung, wie BuyRem funktionierte. Es interessierte ihn auch nicht. Viele sagten, das sei nur Betrug, andere behaupteten, es wäre nichts als Gehirnwäsche, die die Betroffenen zu loyalen Untergebenen des Systems mache.

    Im Lift, der ihn hinauf zur Haltestation der Hyperrail bringen würde, wanderten seine Gedanken zurück zu BuyRem. Zischend schoss eine der Cabs in dem durchsichtigen Röhrentunnel heran, bremste sanft ab und hielt. Ein kurzes Flimmern verriet, dass die Kraftfelder verschwanden, die die wartenden Passagiere vor dem Luftzug schützten und gleichzeitig verhinderten, dass man den Loops, wie die Tunnel genannt wurden, zu nahekam. Menschen strömten aus den sich lautlos öffnenden Türen und bewegten sich in stummem Strom zum Transportband mit der fluoreszierenden Aufschrift „Ausgang“.

    Er sah ihnen gleichgültig nach, während er wartete, bis er einsteigen konnte. Wie immer setzte er sich auf einen einzelnen Sitz neben der Tür. Die Cab startete, so sanft, dass man es kaum merkte. Sie verließ das überdachte Areal des Haltepunkts und schoss in ihrem Tunnel hinaus in die hell erleuchtete Nacht.

    Der Anblick der Metropole am Abend war immer aufs Neue atemberaubend. Cloudscraper, integriert in großzügige Grünanlagen, strahlten in den verschiedensten Farben. Zwischen ihnen wanden sich in zwanzig Metern Höhe schlangengleich die Tunnel der Hyperrail, unter denen wie hingestreut die Einrichtungen lagen, die jetzt zum Leben erwachten. Die Menschen kamen von der Arbeit und suchten Zerstreuung. Unzählige Bars, Spielsalons, Musikhallen, Sportstudios und Etablissements mit zweifelhaftem Ruf öffneten ihre Pforten und warteten auf Kundschaft. Auch BuyRem würde Kunden empfangen. Menschen, die nach Erlebnissen hungerten und die das tägliche Einerlei ihres Lebens satthatten.

    Er kannte die Städte des letzten Jahrhunderts. Lärmende, dreck- und giftstrotzende Molochs, die ihre Bewohner krank machten und den Planeten systematisch zerstörten. New York City, wo er bis vor zwei Jahren gewohnt hatte, war ein unrühmliches Beispiel dafür und wies die höchste Sterberate des Kontinents auf.

    Jetzt lebte er hier, in der neu erbauten Stadt Humania. Im Gefolge des Präsidenten war er hierhergekommen. Der Regierung der Vereinigten Kontinente konnte ein Hauptsitz in einer dieser von Autos und Menschen verstopften Städte nicht mehr zugemutet werden. Deshalb war Humania als Ort für den neuen Regierungssitz konzipiert worden. Das Colossum – ein passender Name für den wuchtigen, schwarzen Klotz, in dem die Regierung der Vereinigten Kontinente nun ihren Sitz hatte – war sein Arbeitsplatz. Der Ort, den er hasste wie nichts sonst auf der Welt.

    Der Konsul, sein Chef, war zuständig für die Erhaltung des empfindlichen Gleichgewichts zwischen technischem Fortschritt und Sicherstellung der Ressourcen für ein Überleben der Menschheit. Letztere war in den vergangenen Jahrzehnten zahlenmäßig explodiert. Der Planet konnte sie in absehbarer Zeit nicht mehr ernähren. Millionen würden verhungern oder an Seuchen zugrunde gehen. Nach einem Konzept, um das zu verhindern, wurde händeringend gesucht.

    Die Cab hielt. Er kehrte aus seinen Gedanken zurück und erhob sich. Zehn Minuten später stand er auf seinem Balkon im zwanzigsten Stock des Gebäudes. Unter ihm pulsierte das Leben. Menschen, die am Tag ihrer Arbeit nachgegangen waren und nun ihr Vergnügen suchten. Ahnungslose Wesen, die er um ihr Nicht-Wissen beneidete.

    Seine Hand umklammerte das Whiskyglas fester, als seine Gedanken zum Nachmittag zurückflogen. Zu den fünf Minuten, die sein Leben verändert hatten: Das Gespräch mit dem Konsul im Beisein des Mannes, der im Begriff stand, der größte Mörder der Menschheitsgeschichte zu werden. Und er selbst hatte den Weg dafür geebnet. Er hatte ihn aufgespürt und beauftragt, eine Lösung für das Problem der Überbevölkerung zu finden. Ein griechischer Molekularbiologe, von dem die Öffentlichkeit bisher nichts gewusst hatte. Und sie würde auch künftig nichts über ihn erfahren. Metros Daktyl würde im Geheimen arbeiten. Mit Unterstützung der Regierung. Sie haben freie Hand, war dem Mann zugesichert worden, für alles. Uns interessiert nicht, wie sie es erreichen, nur die Ergebnisse sind wichtig.

    Die Ergebnisse.

    Er fror, wenn er daran dachte, und er hatte vorhin beim Händewaschen den Blick in den Spiegel gemieden.

    Nein, man konnte seine schlimmen Erinnerungen nicht einfach abgeben und neue bekommen. Für das, was man getan hatte, musste man geradestehen. BuyRem war eine Illusion.

    Langsam wie in Zeitlupe zog er mit der Linken das ComPad hervor. Der Daumen aktivierte die Sprachaufzeichnung. Während sein Blick über das nächtliche Humania glitt, gab er sein Memo ein und speicherte es. Sorgsam legte er das Pad auf dem kleinen Tisch ab, leerte das Whiskyglas und stellte es daneben.

    Dann sprang er in die Tiefe.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq () aus folgendem Grund: Text bearbeitet

  • Liebe Tariq ,


    LG! :)

  • Hallo :)

    Das liest sich insgesamt sehr flüssig und zeigt viel Übung im Kreieren von Bildern und Atmosphäre.

    Für meinen Geschmack hätten die ersten Sätze zusammengezogen werden können, dadurch wäre der Eingang fließender.

    Das Worts "Cloudscraper" wird etwas zu oft genutzt und das Worldbuilding in der zweiten Hälfte bremst die charaktergetriebene Handlung aus. Und hat im Grunde nichts mit dem Ende zu tun.

    In diesen kurzen Text werden Dystopie, Total Recall, das Thema Überbevölkerung und Suizid gestopft und zumindest das zweite davon halte ich für zu viel.

    Ist aber nur meine subjektive Meinung.

    MfG

  • Mich würde nur erst einmal interessieren - sorry, das ist meine Standardfrage, wenn ich jemanden einen Prolog von mir lesen lasse - ob der Text geeignet ist, beim Leser Interesse auf die Story dahinter zu wecken.

    Sorry, bei mir leider eher nicht.


    SciFi kann mich durch verschiedenes abholen - das Bild einer alternativen Gesellschaft, exotische Schauplaetze im All, wissenschaftliche Raetsel, voellig abgedrehte Technologien oder einfach gute alte Action.


    Die Gesellschaft die ich da in dem Prolog zu Gesicht bekomme sieht mir sehr wie unsere aus - Leute fahren zur Arbeit, es gibt Werbetafeln, es gibt Zuege. Die einzige SciFi Neuerung ist der implantierte Chip, aber da wird jetzt nicht so viel draus gemacht (der Hyperloop ist ja eigentlich keine Fi-Technologie, der ist ja schon geplant).


    Das Potential der Story liegt irgendwie im letzten Abschnitt wo's um den Molekularbiologen geht - das koennte fesseln, aber das wirkt im Prolog halt eher wie ein Nachgedanke, da fehlen mir die Einzelheiten an denen ich meine Anknuepfungspunkte finde um in die Story zu kommen - was genau hat der nun vor? Da koennte man fuer den Sci-Teil was draus machen.


    Mir ist der Prolog so zu wenig pointiert - was fuer eine Art von Geschichte erwarte ich hier, auf was soll ich neugierig sein? Wird das Action? Mystery? Eine Detektivgeschichte? Ein Sozialdrama? Eine Dystopie? Koennte irgendwie alles passieren, aber der Prolog macht mir nichts davon richtig schmackhaft.


    Also, die Andeutung wie sie so im Prolog serviert wird wuerde mich nicht dazu bringen die Geschichte weiter zu lesen:(

  • Huhu @Traiq


    Ich möchte mich auch mal an einem Feedback versuchen. Mal sehen wie gut das funktioniert. Ich hoffe auch es hilft dir irgendwie weiter und verwirrt oder verärgert dich nicht. :pupillen:

    :!::D Diese Signatur hinterlässt Bunte Sprenkel! :D:!:
    <3<3:saint:<3<3

  • Oh, wow!!! =O

    Bin total überrascht, dass sich gleich vier Leute hier die Mühe gemacht haben, ihre Gedanken zu meine Prolog mitzuteilen. Ich freu mich darüber total, weil ich nicht mit so vielen gerechnet habe!

    :panik:

    Natürlich will ich versuchen, auf alle eure Anmerkungen einzugehen.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
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  • So, dann will ich mal den ersten Happen servieren. Ich bin mir bei dieser Geschichte sehr unsicher, weil ich - wie oben beim Prolog schon erwähnt - sehr wenig Vorstellungsvermögen habe. Hauptsächlich deshalb wäre es toll zu wissen, was ihr dazu zu sagen habt.

    Das Kapitel hat 1500 Wörter, deshalb habe ich zwei Teile draus gemacht.

    -----------------------------------

    Kapitel 1


    Teil 1/2

    Der sanfte Gong, der in der gesamten Produktionsebene zu hören war, erklang. Tevor hob den Kopf, schob den Hocker zurück und streckte sich.

    Heute werde ich wieder einmal in die Fitnesskuppel gehen und ein paar Runden laufen, beschloss er. In den letzten Tagen hatte er vier Credits verdient. Zeit, sich etwas zu gönnen. Sonst musste er die Freizeit-Stunden in der Wohneinheit zubringen oder sich mit einem Spaziergang in den durchsichtigen Lauftunneln des Innenbereichs begnügen.

    Missmutig musterte er seine Gestalt im matt spiegelnden Metall der Kabinentür, während er wartete, dass sie sich öffnete. Er hasste seine abstehenden Ohren und stellte wieder einmal fest, dass er für einen richtigen Mann zu klein war.

    „Onta Tevor TwoFive-O, begib dich zum Ausgang.“

    Die Frauenstimme des Computers war klug gewählt, sie strahlte Ruhe aus. Nicht dass er das nötig gehabt hätte. Ontas waren Häftlinge. Sie standen in der Rangfolge des Ringes ganz unten und als solcher verhielt man sich unauffällig. Besonders hier. Den Kameras entging nichts und jeder Schritt ließ sich durch den Chip auf dem Handrücken verfolgen. Wer in der Produktionsebene Unruhe zeigte, erhielt binnen kürzester Zeit Besuch. Und eine Befragung durch einen Axiom oder gar den Commandanten der Emerald-Garde zählte nicht zu den Aktivitäten, mit denen er seine Freizeit verbringen wollte.

    Die Kabinentür war geräuschlos zurückgeglitten und Tevor trat hinaus. Ein paar Meter vor ihm lief die blonde Onta. Ihr Haar war genauso kurz wie seines und sie trug wie er den grauen Overall mit den schwarzen Streifen auf dem Arm, der sie als Produktionsebenen-Ontas kennzeichnete. Nur ihr Gang verriet eine Frau und die wiegenden, breiten Hüften. Ihr Gesicht hatte er nie gesehen, obwohl sie nach jeder Schicht vor ihm herlief. Und der Onta mit dem dunklen Haar vor ihr. Wer ihm selbst folgte, wusste er nicht. Sie befanden sich nicht im Freizeitbereich. Umdrehen oder gar Kontaktaufnahme mit anderen Ontas waren hier verboten. Die Kameras sahen alles.

    Vor ihm tauchten die Lifte auf. Er blieb etwa zwei Meter hinter der blonden Frau stehen und wartete.

    Der Schrei eines Mannes irgendwo hinter ihm im Korridor ließ ihn zusammenfahren. Ein weiterer und dann riss das Schreien nicht mehr ab.

    Drei Ypir-Gardisten kamen im Laufschritt auf ihn zu. Im ersten Moment erschrak er, doch sie rannten vorbei. Er nutzte die Gelegenheit und wandte den Kopf, um zu sehen, was da passierte. Eigentlich wusste er es. Zwei Männer wanden sich brüllend am Boden, alle anderen Ontas hielten mit schreckensbleichem Gesicht den vorgeschriebenen Abstand.

    Die Gardisten packten jeder einen der Männer am Arm und zerrten sie voneinander weg. Das Schreien brach ab. „Du solltest das Warn-Brennen nicht ignorieren, Onta, es sei denn, du stehst auf Schmerz!“, blaffte der Uniformierte einen der zwei an. „Weil du neu bist, melde ich dich diesmal noch nicht. Aber vergiss nicht: Es trifft immer beide!“

    Gänsehaut kroch Tevors Rücken hinauf. Er kannte die Schmerzen, die der Chip ausstrahlte. Nur ein einziges Mal hatte er vergessen, den Abstand einzuhalten. Das leichte Brennen unter der Haut seines rechten Handrückens hätte ihm zeigen sollen, dass er zu lange zu nahe bei einem anderen Onta stand. Doch da es das erste Mal gewesen war, hatte er die Warnung nicht rechtzeitig erkannt.

    Das Warn-Brennen. Nicht vergleichbar mit dem Schmerz, der darauf folgte, wenn man nicht sofort reagierte. Tevor hob die Rechte und musterte das kleine Quadrat des Chips. Er hatte seine Lektion gelernt. Jeder Onta kannte die Regeln im Ring. Die Wichtigste lautete: Wahre den Abstand zu anderen Ontas, bleib nicht bei ihnen stehen und sprich nicht mit ihnen.

    Den übrigen Ring-Bewohnern durfte man sich nähern. Das waren die Servicer, die Overalls in den Farben ihrer Arbeitsbereiche trugen, und die Mitglieder der Emerald-Garde in den silbernen Uniformen. Ypir-Gardisten waren beim kleinsten Regelverstoß sofort zur Stelle. Einmal hatte es in der Onta-Cantina einen Vorfall gegeben. Zwei Frauen hatten über den Abstand hinweg versucht, einander mit einer Art Zeichensprache etwas mitzuteilen. Keine gute Idee. Binnen Sekunden fand sich jeder der beiden von zwei Ypir-Gardisten flankiert und hinausgeleitet. Am Eingang der Cantina hatte sie mit finsterem Gesicht einer der sechs Axiome der Emerald-Garde erwartet.

    Hinter der blonden Frau hatte sich die Tür der Liftkabine geschlossen und das Zischen riss Tevor aus seinen Gedanken. Die nächste Kabine war seine. Noch einmal sah er sich kurz um. Die bestraften Ontas waren aufgestanden und unter dem strengen Blick der Ypir-Gardisten und noch etwas wackelig auf den Beinen in die Schlange der Wartenden zurückgekehrt. Es herrschte wieder Stille im Korridor.

    Tevor freute sich auf das Tageslicht, auch wenn er es höchstens für zwei Stunden genießen konnte. Um zehn Uhr abends hatte jeder Onta, der nicht arbeitete, in seiner Wohneinheit zu sein. Die Lichter in den Quartieren erloschen pünktlich und wer sich dann noch außerhalb befand, wurde registriert. Die Kameras sahen alles.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Liebe Tariq ,


    Liebe Grüße

    Stadtnymphe :)

  • Aha, eine Dystopie... Finde ich so weit plausibel und gut erzaehlt, es kommt viel Info als Tevor ueber seine Umgebung nachdenkt, das gefaellt glaube ich nicht jedem Leser, aber ich mag sowas ganz gerne.


    Schoen finde ich, wie normal das alles in Tevor's Gedanken wirkt - genau so sollte es denn auch sein, denn das ist seine Welt in der er sich eingerichtet hat, und ein wirkungsvolles Detail ist wie er sich auf die Fitnesskuppel freut.


    An einer Stelle fand ich die Darstellung nicht so elegant:


    Heute werde ich wieder einmal in die Fitnesskuppel gehen und ein paar Runden laufen, beschloss er. In den letzten Tagen hatte er vier Credits verdient. Zeit, sich etwas zu gönnen. Credits waren die Alternative, wenn man seine Freizeit-Stunden nicht in der Wohneinheit zubringen oder sich mit einem Spaziergang in den durchsichtigen Lauftunneln im Innenbereich des Ringes begnügen wollte.

    Wir fangen den Abschnitt mit seinem Gedanken in woertlicher Rede an, sind also von der Perspektive her in seinem Kopf. Die naechsten Saetze fuehren seinen Gedankengang weiter, obwohl sie nicht woertliche Rede sind - und dann kommt Credits waren die Alternative... - das ist ein impliziter Perspektivenwechsel, denn das denkt er nicht, das weiss er schon, das will hier nur dem Leser nahegebracht werden.


    Solche Perspektivenwechsel sind unschoen, das kann eleganter geloest werden finde ich.:)

  • Hallo Stadtnymphe und Thorsten ,

    herzlichen Dank für euer Interesse und eure hilfreichen Tipps. Ich freu mich sehr darüber, denn ich sagte ja schon, dass ich mir hier viel unsicherer bin als bei allem, was ich vorher so geschrieben habe.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Tariq - ich habe gerade festgestellt, dass du die Spiegelreflexion angepasst hast und finde sie um Weiten besser! Das ist mehr die Reflexion, an die ich gedacht hätte, weitaus selbstkritischer, weniger "Ich bin braunäugig und blond", sondern tiefergehender, daher mehr in Tevors Gedanken! :)

    Außerdem bin ich durch die fehlende Information bezüglich seines konkrekten Aussehens nun gespannt, wie er denn aussieht.

  • Hallo Tariq

    also, ich bin ja nicht der Science-Fiction-Leser und drum vielleicht nicht deine Zielgruppe. Aber ich fand die Idee mit dem Buy-Rem als Thema sehr interessant, deshalb hat mich der Einstieg schon gecatcht.

    Nachher stellt sich dann aber heraus, dass es in der Geschichte wohl darum geht, wie das Problem der Überbevölkerung auf brutale Weise gelöst werden soll. Ob mich das so fesseln könnte, weiß ich noch nicht, aber ich lasse mich mal überraschen. Dadurch, dass du mit dem Buy-Rem angefangen hast, stelle ich mir vor, es könnte noch mehr Interessantes folgen.

    Insgesamt erzählst du sehr schön und ich mag deinen Schreibstil!

  • Nachher stellt sich dann aber heraus, dass es in der Geschichte wohl darum geht, wie das Problem der Überbevölkerung auf brutale Weise gelöst werden soll.

    Ich hab' ja einen Verdacht wie die Buy-Rem Sache mit dem Leben des guten Tevor zusammengeht...


    Abgesehen von der (leider recht aufdringlichen) Parallele zu 'Total Recall' finde ich das Thema uebrigends auch nicht zu verachten (ich hab's tatsaechlich selber mal in einer Geschichte verwendet...) - nur muss halt nicht alles im Prolog schon gesetzt werden, und der Sprung in die Tiefe bietet eigentlich den richtigen Abschluss fuer einen Prolog...:)

  • So, dann mal noch den Rest von Kapitel 1:

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    Manchmal wünschte er sich, im Außenbereich des Ringes zu wohnen. Von seiner Wohneinheit im dritten Stock sah man auf den Innenbereich mit den Kuppelgebäuden der Freizeiteinrichtungen und den transparenten Lauftunneln, die sie verbanden. Deshalb stieg er auch heute wieder in der zweiten Etage des O-Blockes aus dem Lift und nahm für das letzte Stück die Treppe. Die Außenwand des Treppenhauses war durchsichtig und bot einen atemberaubenden Blick auf das Meer, über dem sich ein ebenso wolkenloser Himmel spannte wie gestern. Weit und breit nichts als Wasser.

    Wie gewohnt war er auf halber Treppe stehen geblieben, legte die Hand auf das kühle Material der Ringhülle und starrte ein paar Minuten hinaus auf die endlose, blaue Wasserfläche. Schon oft hatte er überlegt, ob man von dem Treppenhaus eines Nachbarblocks etwas anderes erblickte. Berge vielleicht, oder Wald. Beides hatte er im Visodrom gesehen.

    Während er die Stufen weiter hinaufstieg, dachte er an den Besuch dort zurück. Der bequeme Sessel in der winzigen Kabine war noch dabei gewesen, sich seiner Körperform anzupassen, da hatte er schon Wald auf dem Touchpad angetippt. Die Kabinenwände hatten sich grün gefärbt und eine 3D-Grafik entstand um ihn herum. Nie gesehene Pflanzen tauchten auf, höher als die vier Wohn-Etagen des Rings. Ein schmales Lächeln spielte um seine Lippen, als er sich erinnerte, wie er – verblüfft von der vollkommenen Illusion – fast vergessen hatte zu atmen. Überwältigt lag er in den Polstern, starrte hinauf zu den künstlichen Sonnenstrahlen, die durch die hohen Pflanzen auf sein Gesicht fielen, und lauschte den unbekannten Lauten, die eingespielt wurden.

    Als die zehn Minuten verstrichen waren und der Gong ertönte, war ihm gewesen, als hätte man ihn aus einem Traum gerissen. Eine tiefe, nie gekannte Sehnsucht hatte ihn gepackt. So oft es sein Vorrat an Credits zuließ, war er wieder ins Visodrom gegangen. Inzwischen hatte er auch Berge und Strand und anderes probiert. Doch keines war wie der Wald.

    Immer wenn die Erinnerung an das Visodrom auftauchte, nahm er sich vor, seine Credits zu sparen, um endlich BuyVis aufsuchen zu können. Anstelle des Betrachtens von Grafiken wurde einem da das Kaufen von Visionen ermöglicht. Bei einem der wesentlich teuereren Besuche dort konnte man sich bewegen und saß nicht im Liegesessel. Und er träumte davon, einmal durch einen Wald zu laufen. Barfuß, das würde er vorher als Wunsch angeben. Zwischen den Lauftunneln und Freizeitgebäuden im Innenbereich wuchs nur sorgfältig beschnittenes Grün. Unerreichbar, wenn man kein Pflanzenpflege-Onta war. Und außerhalb des Ringes gab es gar nichts. Nur Wasser. Zumindest sah er nichts anderes. Er wollte diese Pflanzenriesen berühren, ihre rissige Oberfläche unter seinen Fingern fühlen, das zarte Grün an ihnen anfassen und mit der Hand durch das streifen, was den Boden bedeckte. Je mehr Credits man zu zahlen bereit war, desto länger dauerte die Vision und desto größer war der Bereich, den man dabei erkunden konnte.

    Er war vor seiner Tür angekommen. Die Zwei und die Fünf, die genau wie der Block-Buchstabe Teil seines Namens waren, leuchteten kurz auf, als er seinen Chip über das blaue Scan-Feld zog. Mit einem dezenten Klack glitt die Tür auf.

    „Computer, ein gekühltes Wasser. Und Wand auflösen“, befahl er, während er die flachen Schuhe abstreifte. Ein leises Knistern verriet, dass der Energieschild, der eine der vier Seiten des Raumes bildete, zusammenbrach. Tief sog er die frische Luft ein, die sofort in den großzügigen Wohnbereich drang. Ein leiser Ton am Lieferschacht verkündete, dass sein bestelltes Wasser bereitstand. Er entnahm es, öffnete die Verpackung und trat an das hüfthohe Geländer. Automatisch starrte er hinüber zur BuyVis-Kuppel. Diesmal würde er es durchziehen! Kein Visodrom mehr! Ab jetzt wurden alle Credits gespart.

    Er drehte sich um und während er zur Nasszelle marschierte, schob er die Finger in den Ring am Halsausschnitt seines hautengen, grauen Tages-Overalls. Mit einem leisen Ratschen gab dieser nach und die Nähte lösten sich auf.

    Zischend öffnete sich die Tür der Nasszelle. Er trat ein und warf den Ring, an dem die Reste des Kleidungsstückes hingen, in den Müllschacht. „Dusche, heiß“, befahl er der Service-Einheit und während das Wasser auf ihn herab prasselte, versuchte er sich vorzustellen, wie sich Regen auf der Haut anfühlte. Barfuß und Regen im Wald, nahm er sich vor, ich will beides erleben.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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