Kennen wir unsere Leser und wenn ja. Na und?

  • Kennen wir unsere Leser und wenn ja. Na und?


    Wenn ich etwas schreibe, habe ich manchmal eine bestimmte Zielgruppe im Auge. Dann passe ich meinen Schreibstil und die Wortwahl an. Dies ist teils dem Genre geschuldet, teils auch meiner Einschätzung des Lesers (Beides hängt allerdings zusammen). Zum Beispiel habe ich mal etwas für meine Tochter geschrieben, da habe ich die Sprache und die Wortwahl ihrem Stand angepasst.


    Wenn ich Science-Fiction schreibe, dann gehe ich davon aus, dass eher technikaffine Menschen dies lesen wollen. Etwas mehr „Wissenschaftsgerede“ kann also nicht schaden.

    In einer Fantasy-Geschichte fallen des Genres wegen einige Technikbegriffe weg. Ich lasse bei der Beschreibung der Pflanzen allerdings auch die Botanik-Fachbegriffe weg, obwohl ich diese kenne. Denn meine Leser kennen diese Begriffe eher nicht. Wenn ich einen Fachartikel schreibe, sieht das natürlich ganz anders aus. Da sind die Leser ja auch andere …

    Dieser Prozess ist bei mir allerdings eher automatisch und ich denke nicht bei jedem Wort nach, ob es jetzt passt oder nicht.


    Ein weiteres Beispiel. Ein Buch wie „Harry Potter“ zielt auf eine jüngere Leserschaft, „Im Namen der Rose“ eher nicht. Beide sind von der Sprache und der Wortwahl auf ihre Leserschaft angepasst.


    Macht ihr euch über solche Dinge Gedanken? Oder eher nicht?




    Anlass des Strangs: Die Suche nach dem Himmel [Arbeitstitel]

    Der Wanderer

    kalkwiese

  • Sensenbach -- interessantes Thema! ^^


    Ich mache mir selbstverständlich Gedanken um meine Leser. Ein Buch oder eine Geschichte endet ja auch erst mit den Lesern. Nur für sich selbst zu schreiben, würde ja irgendwie ins Leere laufen und bleibt fernab jeder Rückmeldung. Ich bereite mich beim Schreiben bereits auf die potentiellen Leser vor. Da zählt natürlich ungefähr die Altersgruppe rein, aber noch viel mehr die Erwartungshaltung der Leserschaft, ihre Lesegewohnheiten und möglichen -vorlieben. Natürlich kann ich das nicht immer abschätzen. Ich kann durch eine Zuordnung meines eigenen Werkes in bestimmte Sparten aber gewisse Kategorien vorgeben, die die Leser ansprechen oder eben ablehnen.

    Das definiert in gewisser Weise auch Plot und Setting, denn natürlich schreiben wir in Schubladen von Kategorien, an die man Erwartungen stellt (In einem Historischen Roman sollte optimalerweise eine vergangene Epoche realistisch nachgezeichnet werden etc.).

    Rezeptionsästhetik bedeutet für mich auch, dass ich für den Leser schreibe und nicht (nur) für mich selbst, im Sinne von Form, Handlung, Stil. Früher bevorzugte ich extrem blumige, adjektivlastige Schachtelsätze, die ich mit Metaphern nur so vollgekleistert habe. Dann habe ich begriffen, dass das für meine Leser, die nicht unbedingt wissen, worauf ich damit hinaus will, nicht einfach ist. Die Leser definieren meine Geschichte mit --- selbst, wenn ich mir sie nicht vorstellen kann und nicht weiß, wer und wie viele Personen am Ende das lesen, was ich fabriziere. Ist die Vorstellung beim Schreibprozess selbst zu verschwommen, spielt der Einfluss der Leser spätestens bei ihrer direkten Rückmeldung hinein --- aber das ist ja wahrscheinlich logisch.


    Allerdings ist der Leser-Vorstellung irgendwo eine klare Grenze gesetzt. Ich weiß NIE, wie die Witze, die ich versuche einzustreuen, ankommen. Ich kann auch gewisse Sympathien für Charaktere wecken, aber wie weit Zu- und Abneigung dann tatsächlich gehen, habe ich nicht in der Hand. Meistens sind uns die eher zwielichten Charaktere ja tatsächlich lieber als die harmlos-liebenswürdigen, mit denen wir in der Realität um Weiten lieber befreundet wären.

    In der Literaturtheorie gibt es übrigens das Modell, dass man den fiktiven vom realen Leser trennen muss. Insofern schreibe ich für den fiktiven Leser, den ich mir ausdenke. Wer aber tatsächlich - in echt - jemals - meine Geschichte liest, jetzt oder in 100 Jahren, das weiß ich nicht und werde ich vielleicht nie wissen. Das Setting und der Kontext der lesenden Person bestimmen teilweise maßgeblich das, was sie/er über meine Geschichte denkt. In 100 Jahren hat vielleicht das, was ich schreibe, eine ganz andere Bedeutung für den Leser, der es aus einem anderen Licht betrachtet. Da ich das beim Schreiben unmöglich wissen kann, wenden sich meine Bestrebungen immer nur an den fiktiven Leser.

    Und das ist die Gratwanderung, die es meiner Meinung nach zu bewältigen gilt. :)

  • Ja, ein interessantes Thema. Man sollte schon ein Verständnis dafür haben, ob der Text nun unterhalten soll oder ob das (ganz übertrieben) ein wissenschaftlicher Artikel werden soll. Letztere sind ätzend zu lesen, aber aus gutem Grund, denn die Informationen sollen da so dicht und präzise wie möglich sein.

    Manchmal habe ich aber auch den Eindruck, dass man von Autoren fordert, ihren Lesern den Bauch zu pinseln. :hmm: Gerade über den Jugendbuchbereich beschwert man sich online gerne, weil oft die Sprache und Wortwahl nicht einfach nur vereinfacht, sondern mitunter sogar verwässert ist, um auch ja keinem irgendwelche Schwierigkeiten zu bereiten.


    Was habe ich alles für Worte aus Walter Moers' "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" gelernt! Sowas wie "pittoresk" und noch ganz andere Scherze. Das hat mich nie gestört, im Gegenteil, ich fand immer, dass Lesen auch bildet. Blaubär ist vielleicht ein Buch, bei dem es gar nicht auf's Alter des Leser ankommt. Als ich es gelesen habe, war ich jünger als 14. Moers hat sich in "Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr" sogar erlaubt einige besonders ausgefallene Wörter rauszusuchen, die im Laufe der Geschichte Anwendung finden sollten, sowas wie "Defenestration", also den Vorgang, jemanden aus einem Fenster zu stoßen, und solche Sachen. :D


    In "Die Karte meiner Träume" von Reif Larsen fallen wie selbstverständlich Worte wie "Taxonomie", weil das zur Hauptfigur passt. Die ist nämlich Wissenschaftler, die Geschichte an sich ist aber kein Sci-Fi oder so etwas, es erwischt einen also schon ein bisschen unerwartet (Das Buch benutzt aber auch viele Fußnoten, Diagramme und Tabellen, um seine Geschichte zu erzählen. Wer also nicht wenigstens ein bisschen Arbeit beim Lesen investieren will, der wird schnell ausgesiebt).


    In David Mitchells "Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet" verwendet der Arzt Dr. Marinus andauernd Latein mitten im Satz. Beispiel:

    Zitat

    "Habe ich sie nach Ihrem Namen gefragt? Nein: Ich habe sie nach ihrem fons et orgio gefragt."

    Ich hatte nie Latein in der Schule, aber eine kurze Google-Recherche hat geholfen. ^^ Hat mich nie gejuckt.


    Worauf ich eigentlich hinaus will: Ich glaube, die Leser können mehr, man ihnen manchmal zutraut. Es ist ja ein recht deutsches Phänomen, dass man Kinobesucher usw. für dumm hält (darum bekommen viele im Original englischsprachige Filme einen völlig neuen Titel oder einen zweiten Sub-Titel). Warum musste man die Namen in Ein Lied von Eis und Feuer eindeutschen? Jon Schnee klingt irre dämlich. :rofl: Westeros ist doch so offensichtlich an Großbritannien angelehnt, dass der Leser mit englischen Namen schon klarkommen wird.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Macht ihr euch über solche Dinge Gedanken? Oder eher nicht?

    Ganz klares JEIN.


    Beim Schreiben nicht mal ein Millimü. Da schreib ich "einfach runter".

    Beim Korrekturlesen dann schon: Geht das so, ist das passig, klemmt da was? Aber auch diese Fragen eher in Richtung Story-Linie und Stringenz. "Der Leser" (tm) ist in meiner Erfahrung derart unterschiedlich unterwegs, dass ich nicht wüsste, wem ich das Schriebs nun anpassen sollte. Selbst wenn man von den klassischen "Altersgruppen" ausgeht, gibts ja immer noch sone und solche...


    Ich habe natürlich noch nie ein komplett eigenes Buch veröffentlicht, deshalb weiß ich nicht, obs mich in dem Falle jucken würde. Wenn es denn juckte, hätte ich, wie gesagt, obiges Problem...

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Kennen wir unsere Leser und wenn ja. Na und?

    Meine Leser "kennen" tue ich selten, eigentlich höchstens dann, wenn ich für den Schreibwettbewerb hier im Forum etwas schreibe. Da habe ich immerhin eine Vermutung, wer das lesen könnte und was im Allgemeinen hier gut ankommt. Darüber hinaus... keine Ahnung,... vermutlich habe ich auch (noch) keine Leser ^^

    Macht ihr euch über solche Dinge Gedanken?

    Das ist jetzt nach meinem Gefühl ein bisschen eine andere Frage.

    Für die Geschichten von mir, die mir wichtig sind, habe ich als Leser eher eine*n abstrakten Mainstreamleser*in im Kopf1, mache mir aber keine Gedanken bzgl. Sprache oder so. Da ich aber in den meisten Geschichten einen bestimmten Effekt erzielen möchte, komme ich natürlich nicht daran vorbei, mir darüber Gedanken zu machen, wie ich den Leser so manipulieren kann, dass eine bestimmte Erwartungshaltung vorliegt, die dann gebrochen werden kann (um den Effekt zu erzielen).


    Tatsächlich halte ich es für eine gute Übung, eine Geschichte gezielt auf verschiedene Zielgruppen zu schreiben. :hmm: Je nachdem, wie man auch den Erzähler / die Erzählsituation gestaltet, lassen sich da ja ganz unterschiedliche Dinge mit anstellen.


    1Je länger ich darüber nachdenke, destso mehr glaube ich, dass ich eigentlich davon ausgehe, dass diejenigen, die meine Geschichten lesen, in etwa so sind wie ich.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Ganz klares JEIN.


    Das unterstütze ich vollinhaltlich und mit Nachdruck, weil es auch genau meine Antwort ist :D

    Aber mal so: Ich glaube, dass man zwar schon, aber nie zu stark auf die gemutmaßte Erwartungshaltung eines impliziten Lesers (also etwas verkürzt gesagt, die LeserInnen, die man als Zielgruppe im Kopf hat) hinschreiben sollte.
    Meistens will das Publikum ohnehin nicht das, von dem wir glauben, dass es das will ;) Sonst wären Bucherfolge ja relativ leicht kalkulierbar.

    Die Sache hat für mich zwei Seiten:
    Einerseits: Wenn man jetzt zu stark etablierten Leitlinien (auch sprachlich) folgt, dann neigt man natürlich dazu, Genre-Traditionen eher zu vertiefen - und ich persönlich mag ein gerüttelt Maß an Innovation: sei es in puncto Sprache, Form oder Inhalt. Du musst variieren, damit etwas Lesenswertes rauskommt, der Mix aus Bekanntem und Unbekannten machts, Altes in neuem, Neues in altem Gewand. Wir alle kennen das sehr gefährliche "Anderswo schon besser gelesen"-Gefühl, das meistens das Todesurteil für einen Text ist.

    Andererseits finde ich es wichtig, dass der Text für die LeserInnen verort- und einordenbar ist. Du gehst mit Neuerungen leichter um, wenn du weißt, in welchen Kontext sie gehören. Dann nur dann sind sie als solche erkenn- und bewertbar. Nur Neues ohne bekannten Hintergrund verprellt eher und schreckt ab, da fehlt der Kontrast.

    Für mich ist die Kunst, dass Neuerungen nicht als willkürliche Entscheidung einer Autorin oder eines Autors rüberkommen, sondern sie müssen sich aus einer Notwendigkeit des Text ergeben. Du willst science-Fantasy schreiben? Warum nicht, aber hör auf mir als Autorenstimme eine Fantasy-Welt mit wissenschaftlichen Parametern auszuleuchten, sondern wirf lieber eine Gelehrten-Figur ins Getümmel, die schlicht und ergreifend kein anderes Deutungsmuster für die Realität als eben die Wissenschaft hat, weil sie die letzten dreißig Jahre in der Fachbuch-Abteilung einer Bibliothek eingeschlossen war oder dergleichen. Dann schluck ich das, dann find ichs gut - weil ich verstehe, warum die Wortwahl und Stilistik so ist, wie sie ist.

  • Was habe ich alles für Worte aus Walter Moers' "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" gelernt! Sowas wie "pittoresk" und noch ganz andere Scherze. Das hat mich nie gestört, im Gegenteil, ich fand immer, dass Lesen auch bildet.

    Allerdings ist dieses Buch eigentlich kein Kinderbuch, sondern richtet sich an Erwachsene. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_13%C2%BD_Leben_des_Käpt’n_Blaubär

    Ich selbst habe mich in meiner Kindheit und Jugend durch ziemlich viele Bücher gewühlt, die ich erstmal nur mit Schwierigkeiten verstanden habe und klar, das bildet. Das haben hier im Forum sicherlich einige genauso gemacht und gerade darum treffen wir uns im Endeffekt ja hier. Ich kenne allerdings viele, die ein Buch schnell beiseite legen, weil es ihnen "zu schwer" ist. Im Forum ist ja auch schon "Der Herr der Ringe", als schwieriges Buch genannt worden. Tatsächlich hat es mir bei jedem neuen Lesen neue Aspekte eröffnet, beim ersten mal war es mir einige Passagen schon anstrengend (Hab es mit 12 zum ersten mal gelesen, denke ich).

    In "Die Karte meiner Träume" von Reif Larsen fallen wie selbstverständlich Worte wie "Taxonomie", weil das zur Hauptfigur passt.

    "Taxonomie" wäre für mich kein Fremdwort. So unterschiedlich ist das im Einzelnen.

    In David Mitchells "Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet" verwendet der Arzt Dr. Marinus andauernd Latein mitten im Satz.

    Das finde ich nicht gut. Ich kann ja ein wenig Latein. Aber trotzdem, worin besteht da der Mehrwert? Stell dir vor jemand liest ein Star Trek Buch und dann sind da überall Seiten auf klingonisch. Das mag für Nerds witzig sein, aber ich möchte nicht Google brauchen, um ein Buch zu verstehen.

    Einerseits: Wenn man jetzt zu stark etablierten Leitlinien (auch sprachlich) folgt, dann neigt man natürlich dazu, Genre-Traditionen eher zu vertiefen - und ich persönlich mag ein gerüttelt Maß an Innovation: sei es in puncto Sprache, Form oder Inhalt. Du musst variieren, damit etwas Lesenswertes rauskommt, der Mix aus Bekanntem und Unbekannten machts, Altes in neuem, Neues in altem Gewand. Wir alle kennen das sehr gefährliche "Anderswo schon besser gelesen"-Gefühl, das meistens das Todesurteil für einen Text ist.

    Das kommt für mich auch auf den Autor an. Wenn ich von mir selbst ausgehe. Ich habe kein Germanistik studiert und bin kein großer Autor. Ich stückle mir meist amateurhaft etwas zusammen. Bevor ich jetzt zu innovativ bin was den Schreibstil angeht, die Traditionen verlasse und Konventionen absichtlich verletze, möchte ich erstmal lernen wie Schreiben überhaupt handwerklich funktioniert. Ich halte es nur für Ausnahmetalente möglich, gleich im Erstlingswerk "Kunstwerke" zu schreiben. Erstmal kommt für mich das Handwerk. Aber das führt jetzt vom Thema des Stranges weg:)

  • Ich habe kein Germanistik studiert und bin kein großer Autor.

    Sensenbach Die Kombi kommt ohnehin seltener vor, als man denkt :)
    Wenn es jetzt rein um Fingerübungen und die Entwicklung schreibtechnischer Fertigkeiten geht, ist das natürlich alles anders zu bewerten. Da hilft zum Beispiel sowas: https://www.amazon.de/Die-Supp…ltliteratur/dp/3896673130 Also zu versuchen, als Übung die Schreibart eines anderen Autors augengleich zu imitieren - bei gleichzeitig völliger Inhaltsleere. Kann man ja auch mit seinen Fantasy-Lieblingsautoren durchexerzieren, wenn man möchte :) Acht Mal Kutschenunfall (einmal süß-sauer, einmal niedlich, einmal....).

    Meiner Erfahrung nach ist das aber ohnehin nicht voneinander zu trennen. Technische und erzählerische Fähigkeiten entwickeln sich Hand in Hand, weil sie einander eigentlich bedingen. Anders gesagt: Gutes Schreiben beginnt da, wo man nicht nur weiß, was man sagen möchte, sondern auch wie. Im Prinzip kann man sich Schreiben nur im Schreiben beibringen - und man sieht ja dann selbst, wo man die vorgezeichneten Pfade verlassen und wo man ihnen folgen möchte :) Ich glaub es ist learning by doing. Und so wie du sagt: Gelungene Erstversuche sind rar. Dafür braucht man schon eine Gabe. Ich habe sie nicht.

  • Allerdings ist dieses Buch eigentlich kein Kinderbuch, sondern richtet sich an Erwachsene. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_13%C2%BD_Leben_des_Käpt’n_Blaubär

    Und trotzdem haben viele viele Kinder dieses Buch gelesen. :pardon: Egal, wie es vielleicht gedacht war.

    An dem Buch gibt es genug Klamauk und infantile Momente, dass auch Kinder und Jugendliche es lesen. Das meinte ich auch, als ich sagte, dass es bei Blaubär nicht so sehr auf's Alter ankommt. Manche Leute schreiben für kein spezifisches Alter bzw. für alle Altersgruppen gleichzeitig. Ein Kinderbuch ist es natürlich nicht, aber Jungendbücher sind ebenfalls keine Kinderbücher. Überhaupt haben wir "Jugendbücher" auch erst Harry Potter so wirklich zu verdanken. :hmm: Das ist mehr eine Marketingstrategie. Man hat, nachdem der Hype um Harry Potter angefangen hat, versucht, ältere Fantasybücher als Jugendliteratur zu vermarkten. :hmm:

    Aber natürlich sind die Leser nicht etwas, was man ignorieren sollte. Zumindest ein grundlegendes Verständnis dafür sollte man schon haben. Die Frage ist mMn, wie sehr man sich von solchen Dingen sein Geschreibsel diktieren lässt. Und dieser Konflikt ist wahrscheinlich so alt wie die Kunst selbst.

    Ich stimme hier grundsätzlich mit Asni überein, denke ich. Mich hat mal jemand gefragt, für welche Zielgruppe ich (damals) Himmelsjäger überhaupt schreibe. Und die Frage hat mich völlig irritiert. Ich schreibe etwas, was ich selbst gerne lesen würde und woran ich glaube. Sicher schreibe ich auch, um gelesen zu werden. Am Ende schreibe ich aber so, dass jemand wie ich meine Arbeit am Ende gut findet.

    Ich selbst habe mich in meiner Kindheit und Jugend durch ziemlich viele Bücher gewühlt, die ich erstmal nur mit Schwierigkeiten verstanden habe und klar, das bildet. Das haben hier im Forum sicherlich einige genauso gemacht und gerade darum treffen wir uns im Endeffekt ja hier. Ich kenne allerdings viele, die ein Buch schnell beiseite legen, weil es ihnen "zu schwer" ist.

    Lesertypen können ja durchaus unterschiedlich sein. Im Moment lese ich ja A Game of Thrones von G.R.R. Martin, mein erstes Buch auf Englisch, und ich bin sehr froh, dass der Mann so einen trockenen Schreibstil hat und die einzige Schwierigkeit ein paar unbekannte Worte sind. Der trockene Stil eignet sich sehr gut, um die Figuren mehr hervorzuheben, von denen die Geschichte ja lebt.

    Ich habe aber auch schon von Leuten gehört, denen Martins Stil zu trocken ist und die dann lieber Joe Abecrombie vorziehen, der eine schönere Prosa haben soll. Die First Law Trologie sei angeblich das bessere A Song of Ice and Fire. Irgendwann werde ich beides gelesen haben und dann kann ich das vielleicht selber beurteilen. ^^

    Im Forum ist ja auch schon "Der Herr der Ringe", als schwieriges Buch genannt worden. Tatsächlich hat es mir bei jedem neuen Lesen neue Aspekte eröffnet, beim ersten mal war es mir einige Passagen schon anstrengend (Hab es mit 12 zum ersten mal gelesen, denke ich).

    Den Herrn der Ringe muss ich mir auch irgendwann mal geben. ^^ Ich fand Die Gefährten damals so verdammt langweilig, aber ich habe hier im Forum neulich gelesen, dass die Geschichte auch irgendwann Fahrt aufnimmt und dann gut bleibt. Heute habe ich auch schon schwierigere Bücher hinter mir, also bin ich vielleicht soweit. :hmm:

    Man kann seine Kunst durchaus zu weit treiben (*hust* Günter Grass, Katz und Maus *hust*) und das eigentlich gute Buch damit merklich nach unten ziehen. Sowas würde ich mir für meine Texte nicht wünschen. Aber ich muss auch sagen, dass so eine gewisse Kompromisslosigkeit für Bücher und Musik schon ihren Reiz für mich hat. Ich werde wohl immer mal schwierigere Bücher in die Hand nehmen, solange ich mich danach zu einem Pratchett retten kann, um meine Batterien wieder aufzuladen. :D

    Man sollte in der Regel schon schreiben, um zu unterhalten. Shakespeare und auch Brecht haben das ja nicht anders gemacht. Trotzdem sollte man es auch wagen, den Leser hin und wieder etwas zu fordern. Das wissen viele, denke ich, zu schätzen.

    "Taxonomie" wäre für mich kein Fremdwort. So unterschiedlich ist das im Einzelnen.

    Vorher noch nie davon gehört, wirklich. :D

    Das finde ich nicht gut. Ich kann ja ein wenig Latein. Aber trotzdem, worin besteht da der Mehrwert? Stell dir vor jemand liest ein Star Trek Buch und dann sind da überall Seiten auf klingonisch. Das mag für Nerds witzig sein, aber ich möchte nicht Google brauchen, um ein Buch zu verstehen.

    Da sollte ich der Fairness halber vielleicht etwas mehr Kontext geben. Es ist ein historischer Roman, spielt auf Dejima (einer kleinen, künstlichen Insel vor Nagasaki) und es sind viele Leute mit verschiedenen Nationalitäten involviert. Es fallen durchaus auch mal Zeilen in Französisch, aber nie so, dass man es nicht leicht aus dem Kontext verstehen könnte.


    "Guten Tag, Dr. Marinus."

    Der Arzt antwortet nicht.

    "Dr. Marinus? Ich freue mich sehr, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen ..."

    Der Arzt zeigt keine Reaktion.

    Der Sekretär hebt die Stimme: "Dr. Marinus? Verzeihen Sie die Störung ..."

    "Aus welchem Mauseloch", Marinus starrt ihn finster an, "sind Sie denn gekrochen?"

    "Ich bin vor einer Viertelstunde angekommen, mit der Shenandoah. Mein Name ist ..."

    "Habe ich Sie nach Ihrem Namen gefragt? Nein: Ich habe Sie nach ihrem fons et orgio gefragt."

    "Domburg, Dr. Marinus, eine Küstenstadt auf Walcheren in Zeeland."

    "Walcheren, sagen Sie? Ich bin mal in Middelburg gewesen."

    "In Middelburg wurde ich erzogen!"

    Marinus stößt ein bellendes Gelächter aus. "Niemand wird in diesem Sklaventreiberkaff 'erzogen'."


    Vielleicht merkt man das aus dem Text schon, aber Dr. Marinus kann ein angriffslustiger und rücksichtsloser Geselle sein. Das Latein zeigt das mMn noch zusätzlich. Einerseits ist er Lehrer für ein paar Studenten und Latein ist damals (1799) nicht zu umgehen. Andererseits interessiert es ihn auch nicht, wenn der neue Sekretär des Faktors ihn nicht versteht, wenn er diesen zur Schnecke macht, weil er ihn gerade beim Zeichnen stört. ^^ Zusätzlich unterstützt es diesen Gegensatz von Europa und Asien, der in diesem Buch so eine große Rolle spielt.

    Was fons et orgio bedeutet, wird ungefähr aus dem Kontext klar, ich wollte das in meiner kurzen Googlerecherche nur genauer wissen.

    Man kann schwierigere Worte auf eine Weise einbinden, die die Worte einigermaßen erklärt. So würde ich das als Leser auch gerne haben wollen.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Ich schreibe etwas, was ich selbst gerne lesen würde und woran ich glaube.

    Amen.


    Zumindest was Fantasy oder SciFi betrifft - ich schreibe weil ich am Ende das Gefuehl haben will, dass das die Geschichte ist die ich lesen mag, dass ich zufrieden sein kann diese Geschichte erschaffen zu haben. Wenn jemand anders die gut findet - schoen, wenn nicht dann halt nicht (ich mag zum Beispiel lange, detaillierte Schilderungen von Landschaften, komplizierte Sozialgefuege und psychologische Beobachtung - das ist nicht jedermanns Ding, und das weiss ich auch...)


    Was andere Texte betrifft - da versuche ich schon gezielt eine Zielgruppe anzusprechen und mache mir Gedanken was die wohl wissen koennen und was nicht. Zum Beispiel in einem Sprachkurs versuche ich wenig linguistische Terminologie zu verwenden und statt dessen die Leute mit Beispielen in ihrer eigenen Sprache abzuholen - nicht jeder weiss was ein impersonales Verb ist, aber dass es in 'mir ist kalt' kein Subjekt gibt wie in 'es ist kalt' - das kann man leichter erklaeren. Wahrscheinlich mehr als die Haelfte von dem was ich zur Zeit schreibe zielt darauf irgendwelche wissenschaftlichen Sachverhalte (Raumfahrt, Sprachen,...) fuer einen interessierten Leserkreis runterzubreichen.


    Aber das ist natuerlich eine ganz andere Arbeit als einen fiktionalen Prosatext zu verfassen.


    Ich denke schon ich koennte auch SciFi fuer Leser schreiben die nicht wie ich gestrickt sind - aber ich mag ehrlich gesagt nicht, ich waere mit der Geschichte und der Erzaehlart unzufrieden. Bei Fantasy/Scifi liegt das Herz mit drin, bei 'Wissenschaft erklaeren' eher nicht - das ist schon ein Unterschied.

  • Hallo Sensenbach, hallo Fantasy-Geschichten-Forum,


    nun, in erster Linie schreiben wir doch, weil es Spass macht

    und es eine geeignete künstlerische Methode der Selbstverwirklichung ist.

    Ich liebe das Kopfkino im Lesen und Schreiben.

    Klar, es gibt Leser, die das Vertraute wollen, wo Klischees überhaupt kein Problem sind,

    und solche die immer mal was neues wollen und wiederum welche,

    die die Mischung wollen.

    Die Ansichten der Mitglieder finde ich interessant, und kann hier jedem zustimmen.

    Wollen wir Stories verkaufen, sollten heraus gefunden werden was der Zeitgeist ist,

    wo gerade die neuen Hypes entstehen und uns sofort an die Arbeit machen.


    Und hier radikal einfach:

    Es gibt Leser, denen es nur darum geht, dass sie was zu lesen haben.


    Just my two Cents;)


    333 halfevil


    Feilt an euren Fähigkeiten, nicht an den Eitelkeiten.
    Und ihr werdet eines Tages vom Duft der Lorbeeren umgeben sein.


    Fragen zur Kritik werden gerne beantwortet. :)

  • Ich finde die Beiträge hier sehr interessant, sie haben mich dazu gebracht, mal über etwas nachzudenken, worüber ich mir bisher eigentlich nie Gedanken gemacht habe, vermeintlich zu mindest. Als ich den Titel gelesen habe, dachte ich erst "nö kenne ich nicht". Ich finde es eigentlich auch ein wenig anmaßend, einer mir vollkommen unbekannten Person, die sich aus welchen Gründen auch immer zu meiner Geschichte verirrt, irgendwelche Attribute zuzuschreiben, die sie für die Geschichte haben sollte. Tja und dann wurde gleich das Beispiel von einem Fachartikel gebracht und mir wurde klar, dass ich das auch mache, vor allem da... :whistling:


    Wenn ich jetzt allerdings Geschichten schreibe, die ich z.B. hier im Forum zeige, dann denke ich eher weniger darüber nach. Vielmehr schreibe ich sie so, wie ich sie gerne lesen und vor allem erzählen möchte. Die Erzählweise muss dazu zuallererst zur Geschichte selbst passen. Danach hoffe ich einfach, dass es irgendwo auf der Welt jemanden gibt, der sie lesen möchte und Gefallen daran findet. Zugegeben, die Person muss deutsch können, da ich ausschließlich auf deutsch schreibe (mal von wissenschaftlichen Arbeiten abgesehen). Andererseits zeige ich sie dann zu erst jenen (Familie oder Freunde), von denen ich denke, dass sie ein Interesse an der Geschichte haben könnten. Da kommt es also doch, dass ich an eine Art Leser denke, wenn auch im Nachhinein.


    Dieser Satz beschreibt es eigentlich perfekt:

    Gutes Schreiben beginnt da, wo man nicht nur weiß, was man sagen möchte, sondern auch wie.


    Dieser Prozess ist bei mir allerdings eher automatisch und ich denke nicht bei jedem Wort nach, ob es jetzt passt oder nicht.

    Das wäre ein weiteres interessantes Thema, wie schreiben andere denn so? Denn ich mache genau das, fast jedes einzelne Wort wird bei mir überprüft. Das Dauert oft sehr lange für einen einzigen Absatz, aber wenn ich nicht vollständig damit zu frieden bin, kann ich einfach nicht drüber hinweg sehen.


    Ich lasse bei der Beschreibung der Pflanzen allerdings auch die Botanik-Fachbegriffe weg, obwohl ich diese kenne.

    Das finde ich sehr schade, denn das würde mich sehr interessieren (hab auch irgendwas mit Biologie studiert :D). Und lieber habe ich das von einem Autor, der sich auch wirklich damit auskennt. Ab und an habe ich mal in einer Geschichte was von Computern und Programmierung gelesen und musste dann den Kopf schütteln, weil ich genau weiß, dass das so nicht funktioniert und der entsprechender Autor vermutlich keine Ahnung vom Thema hatte. :patsch:

  • Kleiner Einwurf meinerseits bzgl. Fachbegriffen:


    Im richtigen Maß eingesetzt finde ich, dass Fachvokabular auch viel zum Flair einer Geschichte beitragen kann. Wenn ich es in einer Geschichte mit einem Biologen zu tun habe, komme ich durchaus damit klar, dass da hin und wieder Wörter aus seinem Fachbereich fallen und z.T. unerklärt bleiben (solange die Geschichte an sich noch verständlich ist). Ich denke, man kann dem Leser auch mal zumuten, mit ein bisschen Unkenntnis umzugehen und muss ihm nicht alles erklären oder alles so herunterbrechen, dass selbst der letzte Idiot es kapiert (es sei denn, ich schreibe eben für Idioten - da wären wir wieder bei der Frage, ob wir den Leser kennen oder eine gewisse Zielgruppe haben :D ).

  • Zu den Fachbegriffen.


    Ich erinnere mich an eine Science Fiction Geschichte, die ich mal im Forum gepostet habe. Dabei hab ich einige halb-plausible Annahmen zur Technik gemacht. Unter anderem eine Anti-Materie Superwaffe eingeführt. Solche Waffen werden ja andauernd in der SciFi genutzt. Streng genommen ist eine große vernichtende Wirkung solcher Waffen aber physikalisch kaum nachvollziehbar. Das ist mir damals angekreidet worden.

    Bei Science-Fiction ist der Anteil der Leser, denen solche Dinge wichtig, sind schon relativ groß. Es ist nützlich, dies zu wissen. Ich kann dann immer noch entscheiden, ob ich meine Geschichte dahingehend anpassen möchte, oder es so zu lassen.